26/06/13

Die dunkle Seite der Technik

Matthew Day Jackson untersucht in Karlsruhe die kulturelle Sprengkraft des Militärischen.

von Carmela Thiele
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Matthew Day Jackson „Everything Leads to Another“, 2010, Courtesy Matthew Day Jackson und Hauser & Wirth, © Matthew Day Jackson

Matthew Day Jackson untersucht in Karlsruhe die kulturelle Sprengkraft des Militärischen.


So muss man sich also das Flugzeug vorstellen, von dem aus die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Das Fragment eines B-29-Bombers steht im Lichthof des Karlsruher ZKM | Museum für Neue Kunst (MNK) vor einer Großaufnahme des Universums. Der Langstreckenbomber aus den 1940er-Jahren wurde von Matthew Day Jackson (* 1947) auf Hochglanz poliert. Der amerikanische Künstler will uns die Augen öffnen für die ungeheure Macht militärisch eingesetzter Technologie und überhaupt für die Mythen der Weltmacht USA. Die genietete Stahloberfläche des ausrangierten Bombers wirft nicht nur das Bild des ursprünglich zu militärischen Zwecken gebauten Lichthofs zurück, auch die Besucher sollen sich in dem Objekt spiegeln und sich auf diese Weise als Teil des großen zerstörerischen Systems begreifen.

 

Matthew Day Jackson trägt Turnschuhe, Arbeitshosen, eine Kapuzenjacke und Vollbart. Obwohl eine seiner Skulpturen derzeit vor der New Yorker Filiale der Schweizer Galerie „Hauser & Wirth“ steht, er also allen Grund zu guter Laune hätte, wirkt der Künstler ernst und zurückhaltend. Er ist jemand, der Material bearbeitet, zielgerichtet Inhalte durchdenkt und keine Angst vor wuchernder Komplexität hat. Seine Person scheint zu verschwinden neben seinem gigantischen Werk von rund 800 Arbeiten, Rauminstallationen, Reliefs, Fotos und Videos, die in Karlsruhe nur ausschnitthaft in einer fein aufeinander abgestimmten Inszenierung gezeigt werden können. Martin Hartung, seit 2011 Kurator am New Yorker MoMA und Kenner von Jacksons multimedialem Werk, hatte zusammen mit MNK-Chef Andreas Beitin den Künstler dazu angeregt, Werke für die weiten Räume des ZKM zu realisieren. Wo sonst hätte der „Kiloton Room“ Platz gehabt, ein Kubus mit dem Seitenmaß von 84,6 Metern? Diese Zahl ist nicht zufällig: Das Volumen des Raumes entspricht 600 Kubikmetern und damit der Ausdehnung von einer Tonne des Sprengstoffs TNT. Nukleare Sprengköpfe haben heute jedoch eine Sprengkraft von 475 Kilotonnen, lesen wir in dem Faltblatt zur Ausstellung. Die Visualisierung des Unmöglichen gehöre zu den Strategien des Künstlers, heißt es dazu von der Seite der Kuratoren. Im Inneren des Kubus tritt der Besucher in das gleißende Licht eines mit Scheinwerfern ausgeleuchteten, weiß gestrichenen Raumes, in dem ein einziges schwarzes Bild hängt. Bei näherer Betrachtung erweist sich das Werk als Relief, ein versengtes Holzmodell des Zentrums von Paris. Der Fluss, die Seine, ist mit Blei ausgegossen, eine morbide Stimmung soll erzeugt werden. Doch stellt sich beim Betrachter keine Vision einer zerstörten Stadt ein. Zu nah ist in Deutschland noch das reale Grauen der Ruinenlandschaften nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

An dieser Stelle macht sich die Schwäche von Jacksons Systems bemerkbar: Seine mangelnde Sensibilität für die tatsächliche Wirkung seiner minutiös durchdachten Arbeiten, die zwar virtuos die Verfahren der Avantgarde nutzen oder sogar neu erfinden, aber das Resultat in einer unterkühlten Formalität erstarren lassen. So wirkt auch das Regal „Study Collection VII“ als unentschiedener Versuch zwischen neutralem Display und Hommage an die schöne Form selbst mit Tod und Zerstörung verbundener Dinge. Aufgereiht sind unterschiedlich geformte Urnen aus allen Zeitaltern, Propellerteile des B-29-Bombers und Schädelformen, die die Evolution des Menschen abbilden. Letztere sind in den Farben des Regenbogens eingefärbt, ein Hinweis auf christliche Versöhnung, der aber an dieser Stelle wie ein deplatzierter Marketing-Gag wirkt. Nachdenklich macht dagegen die Folge der 82 unscharfen Farbbilder mit dem Titel „Commissioned Family Photo“. Sie zeigt den Künstler mit Frau und Kindern in einer Landschaft in Colorado und ist mit einer Hochgeschwindigkeitskamera in nur einer halben Minute aufgenommen worden. Die Technologie, die in den 1950er-Jahren zur Erforschung von Schockwellen und Explosionen diente, gibt der Porträtaufnahme eine geisterhafte Aura. An der Vernissage zitierte ZKM-Chef Peter Weibel dazu gut gelaunt den Medienphilosophen Friedrich Kittler: „Medienkunst ist nichts anderes als der Missbrauch des Militärs“. Martin Hartung dagegen wurde konkreter. Der Künstler zeige „die dunkle Seite der Technik“.     

    

Matthew D. Jackson, Total Accomplishment.

ZKM, Museum für Neue Kunst

Lorenzstr. 19, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 10. November 2013.




ZKM