10/06/13

Im Spiegelkabinett der Figur

Die britische Künstlerin Rebecca Warren tastet sich im Kunstverein München durch Reihungen an die Figur heran.

von Leon Hösl
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Rebecca Warren, Some Mothers of Invention, 2013, Foto: Ulrich Gebert, Kunstverein München, e. V., 2013

Die britische Künstlerin Rebecca Warren tastet sich im Kunstverein München durch Reihungen an die Figur heran.

 

Da ist gleich zu Beginn dieser Moment der Spiegelung. Eine farbig bemalte, bronzene Stele ist so vor einer Türöffnung positioniert, dass ihre sechs Doppelgänger im Nachbarraum als ihr Spiegelbild erscheinen. Die Frage nach Original und Kopie kommt schon unmittelbar beim Betreten von Rebecca Warrens Einzelausstellung „The Living“ im Kunstverein München auf. Wobei es Warren (* 1965) nicht um das unendliche Reproduzieren einer einzigen Gussform geht, dafür sind die Unterschiede zwischen den Figuren zu offensichtlich. Vielmehr spielt die Reihung der jeweils leicht variierten Figuren auf den Herstellungsprozess der Plastiken an, dem steten Herantasten an eine Form. Die schlanken, hohen Plastiken haben alle ungefähr den gleichen Aufbau: einen breiten Sockel über dem sich dünne und kräftige Partien ablösen. Assoziationen an die menschliche Physiognomie liegen nahe. Die Oberflächen zeigen deutliche Spuren der formenden Hand, die kräftig aufgetragene Farbe legt sich wie eine zweite Gliederung über die Arbeiten und hebt einzelne Segmente hervor. Hier und da brechen Brüste aus den schattenhaften Figuren und bilden ein Gegengewicht zu der starken Vertikalität.

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Rebecca Warren, Abbildung der Installation, Foto: Ulrich Gebert, Kunstverein München, e. V., 2013

 

„Diffusion“ ist der Begriff, den Warren für diese stete Variation der Grundform verwendet. Die einzelnen Elemente der Figurenreihe sind somit nicht beziehungslos nebeneinander gestellt, sondern entstammen all demselben Anfangsimpuls. Durch eine leichte Drehung der Stelen erreicht Rebecca Warren, dass diese nicht als in sich geschlossene Körper im Raum stehen, sondern mit ihrem Gegenüber in Spannung versetzt werden. Auf all das macht der präzise Aufbau dieser ersten institutionellen Einzelausstellung der Britin in Deutschland aufmerksam.

Wenn Rebecca Warren davon spricht, dass eine „skulpturale Lösung“ manchmal darin bestehe, „eine zweite ähnliche Form herzustellen“, äußert sie damit ein ausgesprochen räumliches Verständnis von Plastik. Es betrifft nicht nur das Volumen der geschlossenen Figur an sich, sondern auch deren Positionierung im Raum und das Verhältnis von Gruppe und Einzelfigur. Das Betrachten der Figurenreihe wird damit zu einer Bewegung im Raum – die Zeit der Betrachtung wird räumlich nachvollziehbar. Eine ähnliche Vorstellung von Bildhauerei findet man bei Richard Serra, der von dem Direktor des Kunstvereins München Bart van der Heide im begleitenden Interview als eine Referenzfigur zur Ausstellung genannt wird. Auch bei ihm ist die Wahrnehmung der Skulpturen eng mit der Erfahrung von Raum und Zeit verbunden.

Die von Saim Demircan kuratierte Ausstellung „The Living“ ist für Rebecca Warren ungewöhnlich formal, was jedoch durch die thematische Fokussierungen auf die weibliche Körperlichkeit und die spontane Direktheit der Plastiken unterlaufen wird. Bekannt ist die Künstlerin jedoch eher für Arbeiten mit aggressiven, ins Groteske übersteigerten weiblichen Attributen, die auf die Comiczeichnungen Robert Crumbs zurückgehen. In München herrscht dagegen eine fast kühle Präzision, vor allem in der Positionierung der Arbeiten in den Ausstellungshallen, als sollte diese die Spontaneität der bildhauerischen Geste auffangen. Durch die exakt abgestimmte Präsentation wird augenscheinlich, dass gerade bei einem explizit räumlichen Verständnis von Skulptur und Plastik, wie es Rebecca Warren vertritt, die Ausrichtung der Arbeiten im Raum zu einem elementaren Bestandteil des bildhauerischen Prozesses selbst wird.

 

Rebecca Warren, „The Living“

Kunstverein München

Galeriestr. 4, München

Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 16. Juni 2013.




Kunstverein München