21/06/13

Revision eines vernachlässigten Materials

Die Ausstellung Fire it up! im Zürcher Dienstgebäude lädt zu einer Neubetrachtung der keramischen Plastik ein.

von Isabelle Zürcher
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Ausstellungsansicht Dienstgeäude

Die Ausstellung Fire it up! im Zürcher Dienstgebäude lädt zu einer Neubetrachtung der keramischen Plastik ein.

Nach der letztjährigen Ausstellung im artfoyer Cavigelli mit Pascal Häusermann, Mark Divo und Christian Andersen führt die Kuratorin Olga Stefan die Diskussion um Keramik als Werkstoff der zeitgenössischen Skulptur derzeit im Dienstgebäude Zürich weiter. Zehn Kunstschaffende aus der Romandie und Zürich präsentieren hier ihre Werke und laden zu einer Neubetrachtung der keramischen Plastik ein.

Die Herstellung von Keramik ist eine der frühesten kulturellen Äusserungen des Menschen – kein Wunder also, dass das Material zum einen eine schwere historische Last trägt und zum anderen ein weites semantisches Feld eröffnet. Die Bandbreite der Interpretationsansätze reicht vom Ton als ursprüngliches Erzeugnis der Erde, das symbolhaft für eine archaische Naturverbundenheit steht, bis zu sozialkritischen Deutungen, die auf seiner Verwendung zur Herstellung von kostspieligen Vasen oder Tafelservices gründen. Diese Vielschichtigkeit, der Balanceakt zwischen Funktionalität und Zweckfreiheit, die Unmittelbarkeit der sinnlichen haptischen Qualität, oder die fast grenzenlose Formbarkeit reizt Künstlerinnen und Künstler seit dem frühen 20. Jahrhundert zu Experimenten mit gebranntem Ton. Exemplarisch ebnen Picassos nach 1946 in Vallauris entstehende Arbeiten den Weg für die Etablierung der keramischen Plastik als eigenständige Kunstform. Trotz der Fortführung dieser Entwicklung durch Künstler wie Lucio Fontana oder Eduardo Chillida bleibt das Vorurteil des Kunstgewerblichen hartnäckig am Medium Keramik haften, weshalb sich auch das Interesse der Kunstkritik bis heute in Grenzen hält.

Dass eine Revision des vernachlässigten Materials ein dringendes und fruchtbares Unterfangen ist, bezeugen im Dienstgebäude die Objekte und Installationen von Mai-Thu Perret, Fabien Clerc, Christian Gonzenbach, Mark Divo, Pascal Häusermann, Mickry 3, Guillaume Pilet, Loredana Sperini, Maude Schneider und dem Künstlerduo Aubry/Broquard. So setzen sich Christian Gonzenbachs (*1975) Arbeiten „Noocoal“, „Baigneuse“ und „Eros“ (alle 2012) direkt mit der traditionellen Bildhauerkunst auseinander. Formal an klassische Büsten erinnernd, irritieren die quecksilbrig zerfliessenden Formen und die stark glänzende Oberfläche den Betrachter. In dem aus Porzellan gefertigten Werk „Zürisack“ (2012) dagegen, verleiht Mark Divo (*1966) dem stadtzürcher Abfallsack den Status einer Ikone des Alltags. Der frische, ungezwungene und experimentierfreudige Umgang mit dem Werkstoff führt zu einer technischen Vielfalt, einem Formenreichtum und einer inhaltlichen Tiefe, die dem Staub der Jahrhunderte keine Möglichkeit zum Ansetzen lassen.    

Fire it up!

Dienstgebäude

Töpferstr. 6, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag 14.00 bis 18.00 Uhr, Freitag und Samstag 12.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 6. Juli 2013.

www.dienstgebaeude.ch




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