20/06/13

Definierte Perspektiven

Das Schaulager bereitet dem britischen Videofilmer Steve McQueen eine beeindruckende Retrospektive.

von Annette Hoffmann
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Steve McQueen, Giardini, 2009, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Courtesy the Artist, © Steve McQueen

Das Schaulager bereitet dem britischen Videofilmer Steve McQueen eine beeindruckende Retrospektive.

 

Steve McQueen (* 1969) ist ein Künstler, der an die Wirksamkeit der Kontrolle glaubt. Wie sonst hätte er sich einer Situation aussetzen können, in der selbst eine der Figuren Buster Keatons die Haltung verliert und hysterisch schreiend die Szene verlässt. In „Deadpan“, einem 16mm-Schwarzweißfilm, steht McQueen ungerührt vor der Kulisse eines Holzhauses. Als die Fassade auf ihn zu stürzen droht, seitlich, vorne und hinter ihm die Holzfront auf den Boden schlägt, er aber gerade so durch eine Fensteröffnung passt, bleibt er völlig ungerührt und macht dem Deadpan-Slapstick alle Ehre. Nicht einmal ein Zucken der Wimpern ist zu sehen, als sich die Kamera Steve McQueen nähert. Der britische Künstler hat diese Szene Buster Keatons Film „Steamboat Bill, Jr.“ entlehnt und minutiös vorbereitet. Kein Zufall ist auch die fast hyperrealistische Wahrnehmung kleinster Details in McQueens 35mm-Farbfilm „Giardini“ – oder gar, wie wir uns den Werken des Turner-Preisträgers nähern. Stehend, den Standpunkt verändernd, auf einer Bank oder in einem stufenförmig ansteigend Kinosaal sitzend, immer definiert der Künstler die Perspektive des Betrachters auf sein Werk. In einem Interview im Katalog, der zu McQueens umfassender Retrospektive im Schaulager erschienen ist, erzählt er, wie die hohen Kosten des Filmmaterials ihn als Studenten zwangen, vorauszudenken und alle Unwägbarkeiten einzuplanen. Das muss geschult haben.

 

Dabei gehört zu den Themen des Steve McQueen just das, was sich nicht kontrollieren lässt. Zu einer seiner ersten Arbeiten zählt der als Loop konzipierte Schwarzweißfilm „Bear“ von 1993. Wir sehen, je nachdem, wann wir in den Film einsteigen, zwei dunkelhäutige nackte Männer, die sich umkreisen, einander auflauern und umwerben. Ob sie einander lieben, miteinander kämpfen, bleibt offen, da der Betrachter die Bildsequenzen nicht in eine zeitliche und kausale Folge einordnen kann. In „Five Easy Pieces“, einem Film, der zwei Jahre später entstand, behandelt der Künstler seine Motive, unter denen sich eine Seiltänzerin, der pinkelnde Künstler und mehrere Hulahoop schwingende Männer befinden, derart formal, dass sie lange verfremdet wirken und sich einer Einordnung entziehen. In seiner Installation „7th Nov.“ berichtet ein Erzähler, wie sich aus einer Waffe aus Versehen ein Schuss löste und er den eigenen Bruder tötete. Derweil schaut man unentwegt auf die Projektion eines Dias mit dem von einer Narbe gezeichneten Hinterkopf des Erzählers. Im Farbvideo „Girls, Tricky“, ebenfalls von 2001, kann Steve McQueen in der Aufnahmekabine mit der Kamera mitverfolgen, wie Adrian Thaws aka Tricky seinen Körper und seine Stimme Musik werden lässt. Kunst und Welt liegen im Verlust der Kontrolle nah beieinander, immer jedoch ist es ein Moment größter Energie.

 

 

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Steve McQueen, 7th Nov., 2001, Emanuel Hoffmann-Stiftung, Foto in der Marian Goodman Gallery, New York, 2005, Courtesy the Artist / Marian Goodman Gallery, New York /Paris, and Thomas Dane Gallery, London, Foto: John Berens © Steve McQueen

Das Basler Schaulager setzt das Publikum in die luxuriöse Lage, sich zwischen 25 Werken treiben zu lassen und zugleich Entwicklungslinien zu verfolgen. Mit einem narrativen Moment hält auch ein gesellschaftskritischer Impuls Einzug in das Werk McQueens. Zugleich beginnt mit „Western Deep“ im Jahr 2002 die Zusammenarbeit mit Sean Bobbit, der auch in McQueens Spielfilmen „Hunger“ und „Shame“ die Kamera führte. McQueen beginnt als Regisseur die Bilder zu kontrollieren. „Western Deep“ ist der Name einer der am tiefsten gelegenen Goldminen weltweit, die bereits zu Zeiten der Apartheid ausgebeutet wurde. Der Videofilm führt nicht allein die menschenverachtenden Arbeitsbedingungen unter Tage vor Augen, die dem Betrachter durch die Tonspur in den Körper fahren, er dokumentiert auch das unbarmherzige Auswahlverfahren, dem sich die Arbeiter in Südafrika unterziehen müssen, um dann einen Job zu bekommen. Je manipulativer und erzählerischer McQueen mit den Bildern umgeht, desto gesellschaftlich engagierter ist er. In dieser Breite wird man das Werk von Steve McQueen lange nicht mehr sehen, unbedingt hingehen.        

Steve McQueen.

Schaulager

Ruchfeldstr. 19, Münchenstein/Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 14.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag 14.00 bis 22.00 Uhr, Samstag und Sonntag 12.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 1. September 2013.

Im Kehrer Verlag ist ein Katalog erschienen, 248 S., 44 Euro | 63 Franken.




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