19/06/13

Vorausahnende Netzwerker

In der Ausstellung "Continental Drift" befasst sich der Badische Kunstverein mit Konzeptkunst in Kanada.

von Carmela Thiele

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Vera Frenkel, String Games, Improvisations for Inter-City Video, 1974, Courtesy die Künstlerin und InterAccess, Toronto

In der Ausstellung "Continental Drift" befasst sich der Badische Kunstverein mit Konzeptkunst in Kanada.


„Diese Arbeiten waren in dieser Zusammenstellung bisher noch nie in einem Raum zu sehen“, sagt Barbara Fischer von der Justina M. Barnicke Gallery der Universität Toronto. Sie ist eine der Kuratorinnen der Überblicksschau zur kanadischen Konzeptkunst, die in Europa nur im Badischen Kunstverein in Karlsruhe zu sehen sein wird. Auch für sie und ihre Kollegen sei es bei den Vorbereitungen der kanadischen Schau „Traffic“ im vergangenen Jahr eine Überraschung gewesen, wie viel Material existiert, und wie vernetzt die kanadische Avantgarde mit Protagonisten der Konzeptkunst wie Vito Acconci, Jan Dibbits oder Sol LeWitt war.

 

Für Europa habe man das Konzept gemeinsam mit der Karlsruher Kunstvereinsleiterin Anja Casser verändert. Im Vordergrund der Ausstellung „Continental Drift“ stehen die Projekte, die sich mit der Geografie des weitläufigen Landes, mit der Landschaft und Fragen der Kommunikation beschäftigen. „Die Künstler seien damals, in den 1960er-Jahren, sehr isoliert gewesen“, erzählt die Kunsthistorikerin mit deutschen Wurzeln, „viele Arbeiten reflektieren diese Situation.“ Weder der Kunstmarkt noch die Galerien hätten sich für diese Kunst interessiert, so entstanden Gemeinschaftsarbeiten oder es bildeten sich Gruppen wie „N.E. Thing Co“ oder „General Idea“. Anerkennung und Kritik erfuhren die Künstler durch Gleichgesinnte. Und manchmal schlägt sich die Kontaktaufnahme in den Werken nieder wie bei Ian Wallace aus Toronto und Bill Vazan aus Vancouver. Die beiden Künstler haben sich für die Fotoarbeit „Kanada in Klammern“ verabredet, über die Distanz ihrer Wohnorte formal ähnliche Landschaftsausschnitte zu fotografieren, um so visuell das Gemeinsame ihrer künstlerischen Haltung zu betonen.

 

Man muss sich viel Zeit nehmen für die Fotoarbeiten, Videos und Dokumentationen von Performances von 100 Künstlern, wird aber durch originelle Ideen belohnt. So mischte Joyce Wieland Feminismus und Linguistik, indem sie ihre Lippenformen, die sich beim Singen der Nationalhymne bildeten, wie Noten auf Papier drückte. Wieland war die Ehefrau des Filmemachers und documenta-Teilnehmers Michael Snow. Beide hielten sich Anfang der 1960er-Jahre in New York auf. Aber auch umgekehrt suchten amerikanischen Künstler ihre Kollegen in Kanada auf. So realisierte der amerikanische Konzeptkünstler und Protagonist der Land Art, Robert Smithson, auch eine seiner monumentalen Materialschüttungen in Kanada.

 

Die Dokumentation der Aktivitäten des Nova Scotia College for Art and Design in Halifax macht deutlich, dass es in der Kunst immer Knotenpunkte der Kommunikation geben muss. Solch einer war die „Project Class“ von David Askevold, der Künstler aus anderen Ländern einlud. An dieser Aktion nahmen heute bekannte Namen teil, unter anderen Robert Barry, Mel Bochner, Dan Graham, Joseph Kosuth, Lucy Lippard und Lawrence Weiner. Für Barbara Fischer hätten die kanadischen Künstler die heutige Bedeutung von Netzwerken vorausgeahnt.  Erstaunlich viele Arbeiten würden sich mit dem Thema Vernetzung auseinandersetzen. Sie zitiert den ebenfalls aus Kanada stammenden Medientheoretiker Marshall McLuhan mit dem Diktum von den Künstlern als Antennen der Gesellschaft.

 

Ohne Frage ist eine solche Ausstellung ein Ereignis und darf als Teil der aktuellen Differenzierung der Kunstrichtungen  der 1960er- und 1970er Jahre verstanden werden, wie es auch die im Januar zu Ende gegangene Münchener Schau „Ends of the Earth – Land Art to 1974“ im Haus der Kunst war. Was in Karlsruhe jedoch fehlt, ist der Katalog, von dem noch nicht klar ist, ob man ihn realisieren kann. Das wäre sehr zu hoffen, denn sonst würde die Avantgarde der kanadischen Netzwerker in Deutschland wieder weitgehend in Vergessenheit geraten.     

 

Continental Drift. Konzeptkunst in Kanada: die Sechziger und Siebzigerjahre.

Badischer Kunstverein

Waldstr. 3, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 8. September 2013.





Badischer Kunstverein