18/06/13

Jenseits der Norm

Das Museum Brandhorst widmet der britischen Foto- und Videokünstlerin Gillian Wearing eine Retrospektive.

von Leon Hösl
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Gillian Wearing, Secretes and Lies, 2009, Videostill, © Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley / Regen Projects / Tanya Bonakdar Gallery

Das Museum Brandhorst widmet der britischen Foto- und Videokünstlerin Gillian Wearing eine Retrospektive.


Bekannt wurde Gillian Wearing (* 1963) durch eine Fotoserie aus den Jahren 1992/93 mit dem umständlichen Titel „Signs that say what you want them to say and not Signs that say what someone else wants you to say“ („Schilder, die sagen, was du mit ihnen sagen willst, und nicht Schilder, die sagen, was jemand anderes will, das du es mit ihnen sagst“). Es ging Wearing darum, die Porträtierten aus ihrer Passivität zu befreien und ihnen mithilfe von Stift und Papier die Möglichkeit zu geben, dem Fotografen mehr als nur ihr Äußeres entgegenzuhalten.

Neben dieser viel beachteten Serie hat das Museum Brandhorst nun eine ganze Reihe wichtiger Arbeiten der britischen Künstlerin von den frühen 1990ern bis heute versammelt und zeigt diese zwischen der Dauerpräsentation der Pop-Art Sammlung im Untergeschoss. Unauffällig dargeboten und trotzdem von einer merkwürdigen Anziehungskraft sind drei kleine, bunte Videoboxen. Die Filme machen den Betrachter zum Zeugen intimer Geständnisse, die von grotesk maskierten Personen abgelegt werden. Von Urängsten, kriminellen Vergehen, traumatischen Kindheitserlebnissen, hauptsächlich aber von Perversionen berichten die anonymen Protagonisten, dank der Masken in einer erstaunlichen und irritierenden Offenheit. Da erzählt einer nur wenig beschämt von seinen anzüglichen „Fun Calls“ mit denen er gerne Mädchen sexuell belästigt, ein anderer von einem kindlichen Trauma, das bislang jeden Sex verhinderte und einer Frau wird während ihrer Beichte mehr und mehr bewusst, wie ihr ganzes Leben aus Lügen aufgebaut ist. Unter der Anonymität der Masken bringt Wearing die abgründige Seite unserer Wohlstandsgesellschaft zum Vorschein. Die Verfremdung der Gesichter dient dabei gleichzeitig auch ihrer künstlerischen Aneignung, die aus den unterschiedlichen Persönlichkeiten und Geständnissen erst ein zusammenhängendes Werk macht.

Aufschlussreich ist dabei die direkte Nachbarschaft in der Ausstellung zu Andy Warhols Siebdrucken. Warhol, dessen künstlerische Praxis wesentlich davon lebte, Grenzen der Intimität zu überschreiten und die ästhetische Gewalt existenzieller Augenblicke in ikonische Bilder zu übersetzen, kann als ein zentrales Vorbild von Gillian Wearing gesehen werden, nicht zuletzt weil sie ihm auch eine Fotografie gewidmet hat. Eignete sich Warhol die Oberfläche der Waren- und Medienwelt durch das Siebdruckraster an, vereint Wearing unter den Masken unterdrückte Sexualität und Neurosen.

Für eine Serie großformatiger Fotografien ist die 1997 mit dem Turner Prize ausgezeichnete Künstlerin in naturgetreue Silikonmasken wichtiger Figuren der Fotografiegeschichte geschlüpft und identifiziert sich so mit August Sander, Diane Arbus, Robert Mapplethorpe oder eben Andy Warhol, den großen Porträtisten des 20. Jahrhunderts. Offenbarte Arbus eine besondere Faszination für groteske Figuren am Rande der Gesellschaft, die sie fast voyeuristisch abbildete, konzentrierte sich Sander mit der gleichen Intensität und Nüchternheit auf das Abartige oder Ungewöhnliche, mit der er auch das „Normale“ zeigt. Wearing fokussiert sich zwar meist auf Menschen mit extremen Persönlichkeiten, jedoch ist bei ihr auch immer der schmale Grat zwischen oberflächlicher Normalität und dem Ausbruch aus der Konformität spannend.

Die Videoarbeit „Sixty Minutes“ (1996), die das Prinzip von Warhols „Screen Tests“ auf die Spitze treibt, zeigt eine Gruppe von Polizisten in Uniform, die sich eine Stunde lang als „tableau vivant“ aufstellen musste. Je länger die Truppe steht, desto mehr löst sie sich in Einzelpersonen auf, die, jeder für sich, am nicht enden wollenden Posieren und Stillstehen scheitern. Es scheint hier, als bräuchte es gar nicht die verstörenden Videooffenbarungen von Personen, die sich mit ihrem Verhalten oder ihren Gefühlen jenseits der Norm bewegen, um zu verstehen, worum es Wearing mit ihrer Kunst geht. Wenn ein einzelner Polizist in der uniformen Gruppe bereits durch ein Kopfkratzen auffällig wird, beschreibt das schon treffend, wie gesellschaftliche Normen immer Ausbrüche in die Abnormität mit sich bringen. Doch gerade durch die ausdrückliche Direktheit der Videogeständnisse werden die subtileren Konnotationen der weniger eindeutigen Arbeiten deutlich.

 

Gillian Wearing.

Museum Brandhorst

Theresienstr. 35 a, München.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 7. Juli 2013.

 




Museum Brandhorst