18/06/13

Eine andere Seite der Wissenschaft

Das Werk des britischen Künstlerpaars Semiconductor oszilliert zwischen Dokumentation und Animation.

von Yvonne Ziegler
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Semiconductor, Worlds in the Making, 2011

Das Werk des britischen Künstlerpaars Semiconductor oszilliert zwischen Dokumentation und Animation.

Wissenschaft prägt unsere Sicht auf die Welt. Meist vergessen wir, dass Wissenschaft letztlich Glaubenssache ist, ihre Erkenntnisse nur vorläufige sind, sie einem historisch bestimmten epistemologischen System angehören. Wissenschaften, Mythen und Religion sind gleichermaßen Arten von Welterklärung und Versuche von Naturbeherrschung. Ein Video des Künstlerduos Semiconductor offenbart dies eindrücklich. Die beiden britischen Künstler Ruth Jarman (* 1973) und Joe Gerhardt (* 1972) stellten Weltraumphysikern des NASA Space Sciences Laboratory in Berkeley die nicht eindeutig zu beantwortende Frage, ob Wissenschaft alles verstehen könne. Die Antworten zeugen von Liebe, Glaube, Hoffnung, Inspiration und Begeisterung.

 

Für eine andere im Haus für elektronische Künste Basel zu sehende Arbeit extrahierten die Künstler Daten aus interplanetarischen Satellitenaufnahmen, die sie zu einer poetisch anmutenden visuellen Darstellung von Sonne, Sternen und dunklem Nichts verarbeiteten. Neben Sonneneruptionen, Planeten- und Kometenbewegungen sind in „Black Rain“ (2009) auch die technischen Artefakte zu sehen, die ein vorbeiziehender gleißend heller Stern in Form von hellen Streifen auslöst. Der BBC schien die Bildsprache der Künstler authentischer und ansprechender als die bearbeiteten Aufnahmen der NASA und entschied sich für das Material von Semiconductor, das dann in einer Sendung unter der entsprechenden Namensnennung zu sehen war. Semiconductors Werke oszillieren zwischen Dokumentation und Animation von Naturphänomenen. Besonders deutlich wird dies angesichts des Drei-Kanal-Videos „Worlds in the Making“ (2011), das wissenschaftliche Aufnahmen der aktiven Vulkanlandschaft auf den Galápagos-Inseln und des ecuadorianischen Festlands zusammen mit Demonstrationsanimationen von wachsenden Kristallen und bebendem Gestein zeigt, denen hörbare seismographische Tondaten des Erdinneren zu Grunde liegen. Alter und Lebendigkeit unserer Erde sind im dunklen Raum anhand von Zeitraffer, Bewegung und Sound fühlbar.

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Semiconductor, Worlds in the Making, 2011

Ihre „fiktive Wissenschaft“ veranschaulicht insbesondere mit „Magnetic Movie“ (2007), einer humorvollen Darstellung von magnetischen Kraftfeldern, die faszinierenden wissenschaftlichen Beschreibungsversuche von Phänomenen und die Wirkung wissenschaftlicher Bildgebungsverfahren: Wir halten ihre Produkte für tatsächliche Bilder der Wirklichkeit. Ein Thema, dem sich seit dem Iconic turn die Bildwissenschaften widmen. Unter dem Drang nach Weltverstehen suchten Menschen schon immer nach Modellen und Bildern des Lebens. Semiconductor widmen sich in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern Naturphänomenen wie dem scheinbar unbewegten Stein, den Tönen der Erde und des Himmels, den unsichtbaren Kräften und der im Zentrum unseres Sonnensystems stehenden Sonne. Eine Arbeit fällt aus dem Rahmen, sie erinnert daran, dass der Mensch der größte Feind der Erde ist, er in wenig Zeit zerstört, was in Millionen Jahren entstanden ist. Man sieht, wie Roboterarme unter Wasser das Bohrloch zu verschließen versuchen, das bei dem Ölplattformunglück im Golf von Mexiko im April 2010 entstanden war. Melancholisch anmutend kommentieren sie ihr Tun.

 

Semiconductor, Let there be light.

Haus für elektronische Künste Basel

Oslostr. 10, Basel.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 7. Juli 2013.




Haus für elektronische Künste