12/12/12

Unterbau der Kunst

In der Kunsthalle Zürich zeigt Elaine Sturtevant Wiederholungen und keine Kopien.

von Meret Arnold
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Sturtevant, Sex Dolls, 2012, Courtesy Galerie Thaddaeus Ropac, Paris, © Sturtevant, Photo: Åsa Lundén, Moderna Museet, Stockholm

In der Kunsthalle Zürich zeigt Elaine Sturtevant Wiederholungen und keine Kopien.

Es ist ein seltsamer Chor, der nach seinem Auftritt im Moderna Museet in Stockholm nun in der Kunsthalle Zürich gastiert. Seine Mitglieder sind Gummipuppen, die auf unsicheren Beinen an der Wand lehnen. Schwer zu sagen, was für ein Lied sie anstimmten, wenn sie denn tatsächlich sängen. Ihre Haltung und Mimik machen sie zu Karikaturen, und erinnern an das Pathos einer Opernarie oder an die Leidenschaft eines Popsongs. Doch die Komik kippt ins Tragische, verweisen diese funktionalen Liebespuppen doch auch auf das Eindringen von Simulacra in unsere Gesellschaft und deren Auswirkungen auf uns und unsere Lebenswelt.Elaine Sturtevant


Mit diesem Thema dreht sich das Werk der in Paris lebenden amerikanischen Künstlerin Elaine Sturtevant (*1930). „Sex Dolls“ von 2012 ist eine der jüngsten Arbeiten. Ebenso die Animation „Pacman“ gleich nebenan, mit der sie eines der kommerziell erfolgreichsten und populärsten Computerspiele aufnimmt. Die Nachbarschaft könnte man leicht als Mahnung sehen, der auf die soziale Vereinsamung durch exzessives Spielen hinweist. Doch Sturtevant moralisiert nicht. Vielmehr eröffnet sie mit ihren Werken komplexe Fragen zu unserem Umgang mit Simulacra und Bildern sowie unserem Verhältnis zu Originalität, Echtheit oder Autorenschaft. Und sie tut dies bereits seit den sechziger Jahren, parallel zur Digitalisierung und der rasanten Ausbreitung der neuen Medien.

Angefangen hat sie mit Kunst über Kunst, indem sie Replikas von Werken ihrer Zeitgenossen herstellte, Jasper Johns, Joseph Beuys oder Marcel Duchamp. Sie alle sind in Zürich vertreten: ein Target-Painting von Johns, Fettstühle von Beuys, „Fresh Widows“ von Duchamp. In ihrer ersten Ausstellung 1964 in New York zeigte sie „Warhol Flowers“, also noch im gleichen Jahr als dieser sie schuf. Das Sieb dafür erhielt sie vom Künstler höchstpersönlich. Warhol, der virtuos mit Oberflächen hantierte, ist ein ständiger Begleiter. In Zürich sind grossformatige „Warhol Flowers“ von Sturtevant aus den neunziger Jahren zu sehen. Diese „Kopien“ will sie jedoch nicht als solche verstanden wissen und spricht mit Verweis auf Deleuze von „Wiederholungen“. Ihr Ziel ist nicht die exakte Nachbildung, wie sie immer wieder erklären muss, sondern durch diesen Prozess der Wiederholung zum „Unterbau“ (Understructure), zum Inneren der Kunst vorzudringen.
Sturtevants Unverfrorenheit und Radikalität kam insbesondere in den USA nicht gut an. Mitte der siebziger Jahre verabschiedete sie sich deshalb für gut zehn Jahre, bis die Appropiation Art mit Vertretern wie Sherri Levine oder Louise Lawler einen Kontext schuf, von dem sie sich mehr Verständnis für ihre Kunst versprach. Die Werkliste von der Kunsthalle Zürich macht indes deutlich, dass sie auch heute noch einen schweren Stand hat: bis auf einzelne Ausnahmen stammen alle Arbeiten aus der Sammlung Sturtevants. Erst in jüngster Zeit wird sie mit Museumsausstellungen und dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk gewürdigt.

Leicht konsumierbar ist ihre Kunst nicht. Sie hält den Betrachter auf Distanz, und häufig hat man das Gefühl, man betrachte ein Werk, wie wenn man über einer Passage einer theoretischen Schrift brüten würde, deren Inhalt sich nicht entschlüsseln will. Doch genau diese Denkarbeit fordert die vitale Künstlerin. Und tatsächlich halten die Nachwirkungen der Ausstellung länger an, als man dies vielleicht beim Rundgang gedacht hätte.

Elaine Sturtevant
Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch, Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 20. Januar 2013.
Kunsthalle Zürich