18/06/13

Archive des Hörensagens

Laurent Grasso hat im Kunsthaus Baselland ein museales Labyrinth des spekulativen Wissens eingerichtet.

von Dietrich Roeschmann
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Laurent Grasso, 1356, Earthquake in Basel, Courtesy of the artist, © Laurent Grasso, ADAGP 2013

Laurent Grasso hat im Kunsthaus Baselland ein museales Labyrinth des spekulativen Wissens eingerichtet.

Die Treppe führt hinab ins Dunkel, und wie immer müssen sich die Augen erst mal an die Dämmerung gewöhnen, die hier im Untergeschoss des Kunsthaus Baselland ein perfektes Ambiente für die Präsentation von Videoarbeiten schafft. Doch diesmal ist der direkte Zutritt versperrt. Stattdessen ragt am Fuß der Treppe eine schwarze Wand aus dem Boden, auf der wie ein leerer Screen ein helles Rechteck schimmert. Willkommen im Minimal Club? Keineswegs. Dieses schlichte Setting ist nur die erste von zahlreichen Täuschungen, die der französische Künstler Laurent Grasso (*1972) in seiner Soloschau „Disasters and Miracles“ inszeniert hat. Sobald man nämlich an der monochromen Fläche vorbei in den Ausstellungsraum schlüpfen möchte, der sich dahinter auftut, kommt Bewegung in das Bild: Ein Vulkan taucht aus dem Weiß auf, dichte Rauchwolken quellen über den Baumkronen eines Urwalds – und schon ist man mittendrin in Grassos Kosmos der Ahnungen, Vermutungen und Gerüchte. Die Silberbromfotografie führt es geradezu exemplarisch vor: Ob wir hinter den Dingen ein Geheimnis entdecken oder nicht, kommt allein auf die Perespktive an, aus der wir sie betrachten.

 

Seit langem interessiert sich Grasso für Alchemie und Aberglauben, für bizarre Nischenwissenschaften, mystische Welterklärungsmodelle und die kruden Wege der historischen Überlieferung. Der labyrinthische Ausstellungsparcour, den er für seine Arbeiten im Kunsthaus Baselland eingerichtet hat, entwickelt so nicht zufällig einen Sog ins Spekulative. Fotografien von vatikanischen Astronomen, den ebenso forschenden wie gläubigen Blick in den Himmel gerichtet, hängen hier neben kleinformatigen Gemälden, auf denen in altmeis­terlicher Manier Szenen aus der europäischen Katastrophengeschichte dargestellt sind. Der Luzerner Tsunami von 1601 etwa, der nach einem Erdbeben unter dem Vierwaldstättersee ganze Dörfer verwüstete. Oder das verheerende Erdbeben, das Basel im Jahr 1356 erschütterte. Mehr als 300 Menschen starben damals in der Trümmern – so steht es jedenfalls in den Geschichtsbüchern. Was dort nicht steht: Im Umkreis von 30 Kilometern stürzten zwar viele Häuser, aber sämtliche Kirchen und Burgen ein. Keine Glocke überstand die Katastrophe unversehrt. Zufall? Vorsehung? Strafe einer höheren Macht? Die dubiosen Quellen, die Grasso dazu fand, verraten nichts Konkretes – setzen aber gerade dadurch jenes Raunen in Gang, das der Künstler in seinen Arbeiten sowohl als strategisches Instrument des Machterhalts untersucht als auch als Ausdruck eines verbreiteten Zweifels an der Legitimität von Herrschaftswissen. Was Grasso fasziniert, sind die Momente, in denen Geschichtsschreibung in Mythos umschlägt und das Hörensagen die Deutungshoheit über unsere Wahrnehmung erlangt.

 

Wie dieses Raunen wiederum selbst historische Realität hervorbringen kann, zeigt die alte Fotografie eines Massenauflaufs in Fatima, wo drei Hirten 1917 auf freiem Feld angeblich die Mutter Gottes erschienen sein soll. Erst die Präsenz der gläubigen Menge macht das Wunder sichtbar, indem sie ihm gewissermaßen ihren Körper leiht. Die Fotografie des Pilgerstroms wird so zum historischen Beleg eines Phantoms. Mit der Videoarbeit „Projection“ von 2005 und einem Gemälde aus der Serie „Studies into the Past“ treibt Grasso diese Verwirrung von Ursache und Wirkung auf die Spitze. Während sich in „Projection“ eine dichte Rauchwolke wie eine paranormale Bedrohung durch die Straßen von Paris wälzt, zeigt das historisierende Ölbild eine ähnliche Szene in den Gassen eines mittelalterlichen Städtchens. Auf den ersten Blick scheint es so, als zitiere die Videoarbeit das Gemälde, doch das Gegenteil ist der Fall.  Wie alle Gemälde dieser Serie ließ Grasso es von Restauratoren des Louvre im Stil des 16. Jahrhunderts malen. Das historische Ereignis, das es zu bezeugen scheint, ist nicht mehr als ein Stück allerjüngster Kunstgeschichte.         

Laurent Grasso: Disasters and Miracles.

Kunsthaus Baselland

St. Jakobstr. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 30. Juni 2013.




Kunsthaus Baselland