09/06/13

Beni Bischof

Der Sankt Galler Künstler Beni Bischof schafft Ordnung aus dem Chaos.

von Annette Hoffmann
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Beni Bischof, (Bad) Habits, 3. November – 22. Dezember 2013, Sommer & Kohl, Berlin

Der Sankt Galler Künstler Beni Bischof schafft Ordnung aus dem Chaos.

Drückte man Beni Bischof (* 1976) selbst die Weltkugel in die Hand, er wäre kein getreuer Atlas. Noch der Globus würde sich dellen und Blasen werfen wie auf der Fotografie, die er zur Saisonvorschau des Freiburger Theaters beisteuerte. Jede Form, und sei sie noch so perfekt, erweist sich unter den Fingern des St. Gallener Künstlers als vorläufig. Seine Serie „Meta-Fingers“ entstand 2009, als er im Flugzeug keinen Stift parat hatte, um auf einem Modemagazin zu zeichnen. Also bohrte er seinen Zeigefinger durch das Cover und machte ein Foto. Danach rekelten sich weitere Finger auf den Schultern von Bodybuildern oder Models wuchsen Nasen wie Elefantenrüsseln, anderen Hörnern aus der Stirn. Ganz schön wurstig? Das geht noch direkter. Für eine andere, zwei Jahre später entstandene Werkgruppe arrangierte Beni Bischof Wurstzipfel und Cervelatscheiben auf Modefotografien, mal zu Mustern, doch meist sah es einfach aus, als hinge den Frauen ein Penis aus dem Gesicht. Die schöne Oberfläche ist für Bischof jedenfalls ein fruchtbares Gefilde. In seiner großen Einzelausstellung „Ghettofaust“ in der Zürcher Galerie Nicola von Senger 2011 zeigte er Papierarbeiten, bei denen Models Bärte wie Tumore wucherten, sie bestanden aus den aufgekratzten darunter liegenden bunten Seiten. Sage niemand, das Leben ließe einen unversehrt.

 

Beni Bischof ist ein Künstler, der wohl überall arbeiten kann: Zuhause am Küchentisch, unterwegs, im Café, im Restaurant und im Atelier. Und der, so muss man angesichts seiner Produktivität der letzten Jahre vermuten, es auch ständig tut. Nicht allein Zeichnungen entstehen, auch Fotos, Bilder und Skulpturen, wie überhaupt jede seiner Ausstellungen eine eigenständige Installation ist. Alles scheint im Wachsen begriffen und über sich selbst hinauszuweisen. Dass jeder Gegenstand eine potentielle Arbeit sei, hat er einmal in einem Interview mit dem Kunstbulletin gesagt. Woher der Furor? Vielleicht um der sterilen Glätte der Modefotografie, die es nur auf weiteres Wachsen des Kapitalismus abgesehen hat, die Produktivität der Kunst entgegenzusetzen. Und die ist hier eindeutig männlich. Bischof, der Daniel Roth und Martin Kippenberger zu seinen Gewährsleuten zählt, stellt Text-Bildbezüge her, wie sie in den 1980er Jahren angesagt waren und die von paradoxem Witz sind. Einen gesprayten, orangefarbenen Kreis bezeichnete er in einer Gruppenausstellung im Kunstzeughaus Rapperswil im letzten Jahr als „extrem ungenaues Quadrat“


Man wird dem Schweizer Künstler nicht gerecht, wenn man ihn in die postpubertäre Trashecke stellt. Nicht alles, was wie flüchtig hingeklatscht aussieht, ist in kürzester Zeit entstanden. Und bei den pastosen, nahezu reliefartigen Bildern, in die er mit den Fingern Gesichter eingegraben hat, interessieren ihn durchaus die feinen Schattierungen der Farbe. Beni Bischof, der in St. Gallen und in Zürich Grafik studierte, führt den Künstlergestus der Neuen Wilden weiter, erweitert ihn jedoch um zeitgenössische Herangehensweisen. Die Computerbearbeitung ist eine gleichwertige Methode neben der Zeichnung und dem Einkratzen der Magazine. Hat man sich etwas von der Reizüberflutung seiner installativen Hängungen erholt, beginnt man Strukturen wahrzunehmen. Etwa die dreieckigen, tütenförmigen Auswachsungen der Cover, deren Grundformen sich auf schwarzgrundigen Bildern wiederholen. Neuerdings haben sie sich in Strahlenbündel verwandelt, die die Symmetrie eines Bildes an deren Ende führen. Wo Chaos ist, ist auch Ordnung.      

 

Beni Bischof an den Swiss Art Awards, Messe Basel, Halle 4, Basel.




Beni Bischof