18/12/12

Das Lachen der Thrakerin

Nicht ohne Selbstironie: Gnadenlos. Künstlerinnen und das Komische in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn.

von Leonore Welzin
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Mona Hatoum, Paravent, 2008, Sammlung Sander, Courtesy: Galerie Max Hetzler Berlin def image

Nicht ohne Selbstironie: Gnadenlos. Künstlerinnen und das Komische in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn.

Dürfen Frauen lachen, vielleicht sogar laut? Was uns heute selbstverständlich erscheint, wurde vom Sittenkodex lange Zeit verneint. Die rigide Vorstellung geht zurück auf eine Anekdote der Antike: Als der Philosoph und Wissenschaftler Thales von Milet eines Nachts mit dem Blick nach oben die Sterne erkundet und dabei in einen Brunnen stolpert, soll ihn eine Magd verlacht haben. Er erstrebe wohl zu erfahren, was am Himmel geschehe, was aber vor seinen Füßen liege, beachte er nicht, so ihr Kommentar. Platon deutet den Thales-Sturz als Beweis, dass Menschen, die nie über sich hinaus schauen auch niemals philosophische Ziele verstehen werden, also einfältig bleiben. Für ihn ist das Lachen der thrakischen Magd Ausdruck einer niederen, weiblichen Sinnesart. Seltener wird das Lachen der Magd als Kritik an der Weltfremdheit der Philosophie verstanden. Schaut man genauer hin, könnte sich im Lachen der Magd auch Widerstand verbergen.4720hatoum_paravent.jpg

Die Ausstellung „Gnadenlos – Künstlerinnen und das Komische“ in Heilbronn beantwortet die Frage, ob Frauen lachen dürfen mit einem klaren „Ja“. Mehr noch, Frauen dürfen sogar riechen. Romane Holderried-Kaesdorf karikiert in der „Riecherin“ eine Frau, die ihre Nase in die eigene Achsel steckt, am eigenen Schweiß schnuppert. Selbstironie, absurde Komik, feiner Wortwitz und anarchischer Humor, die Schau präsentiert unterschiedlichste Spielarten des Komischen. Meret Oppenheims Objekt „Eichhörnchen“ trifft auf die Fotoserie „Küchenkoller“ von Anna und Bernhard Blume, Rosemarie Trockels „Herd-Plastik“ auf die Filmkunst von Yoko Ono, Valie Exports Objekt „Kleine Karriereleiter“ auf die Performance „Milchmädchenrechnung“ von Lili Fischer, das Video der „Maria Lassnig Kantate“ auf Mona Hatoums große, schwarze Gemüseraspel „Paravent“.

Ausgehend von den um 1900 entstandenen Slapstick-Filmen der französischen Filmpionierin Alice Guy-Blaché (1873-1968) fächert die Ausstellung anhand von Malerei, Grafik, Objektkunst, Fotografie, Performances, Filmen und Videokunst das Sujet erstmals in solcher Bandbreite auf. Unbarmherzig, scharfsinnig, provokant und frech reagieren Künstlerinnen auf die Ordnungsgefüge von Gesellschaft, Politik und Kunst. Werke von 27 internationalen Künstlerinnen hat die Kuratorin Rita Täuber zusammengetragen und durch Gegenüberstellung geistreich kurz geschlossen. Aus 90 Exponaten echot das Lachen der Thrakerin über drei Etagen der Kunsthalle Vogelmann.

Zu den vielen Überraschungen zählt eine Plakatwand, die unter der Zeile „The advantages of being a woman artist“ beste Realsatire liefert: „Working without the pressure of success. Having an escape from the art world in your 4 free-lance jobs. Knowing your career might pick up after you’re eighty.“ Das Werk stammt von den Guerilla Girls, einer anonym operierenden New Yorker Künstlerinnen-Gruppe, deren Markenzeichen Gorillamasken sind und die Humor ganz im Sinne von Meret Oppenheim definieren als eine ins Schaffen integrierte Waffe.

Gnadenlos. Künstlerinnen und das Komische
Kunsthalle Vogelmann
Allee 28, Heilbronn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.
Bis 24. Februar 2013.
Im Wienand Verlag ist ein Katalog erschienen.
Kunsthalle Vogelmann