31/05/13

Auf der Suche nach dem verlorenen Gedächtnis

Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt filmische Recherchen der jungen portugiesischen Künstlerin Filipa César.

von Florian Weiland
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Filipa César, The Embassy, 2011, © Filipa César, Courtesy Cristina Guerra Contemporary and the artist

Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt filmische Recherchen der jungen portugiesischen Künstlerin Filipa César.

 

Ein Referat. Man kennt die Situation. Die junge Frau – es ist nicht Filipa César, aber die Schauspielerin sieht der Künstlerin verblüffend ähnlich – wirkt anfangs noch etwas unsicher, doch dann präsentiert sie ihren Vortrag reibungslos. Engagiert referiert sie über vier Denkmäler aus der portugiesischen Kolonialzeit. Sie standen in Guinea-Bissau und waren ein Symbol für die Jahrhunderte dauernde Herrschaft Portugals über den westafrikanischen Staat. 1446 erreichte Nuno Tristão – ihm ist eine der Statuen gewidmet – als erster Europäer die Küste des späteren „Portugiesisch-Guinea“. Die Kolonie wird im 17. und 18. Jahrhundert zu einem Zentrum des Sklavenhandels. 1974 wird Guinea-Bissau unabhängig. Vorausgegangen war ein blutiger Krieg mit Portugal. Doch auch in der Zeit danach findet das Land, das etwas kleiner als die Schweiz ist und zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, keine Ruhe. Ein Bürgerkrieg reißt neue Gräben auf. Im April 2012 kommt es zu einem Staatsstreich durch das Militär. Inzwischen wurde eine zivile Übergangsregierung eingesetzt, doch das Auswärtige Amt rät aus Sicherheitsgründen von Reisen in die Region ab.

Das hat Filipa César nicht davon abgehalten, mehrfach in das krisengeschüttelte Land zu reisen. In ihren Filmen beschäftigt sich die 1975 in Porto geborene Künstlerin, die inzwischen in Berlin lebt, mit der Geschichte Portugals in den 1970er Jahren nach dem Sturz der Salazar-Diktatur und dem Schicksal der ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika. Keine leichte Kost, doch César findet einen Weg, damit ihre Videoarbeiten nicht zur trockenen Geschichtsstunde werden. Ihre fundierten Recherchen kombiniert sie mit der sehr persönlichen Sichtweise ihrer Protagonisten. Die offizielle Geschichtsschreibung wird damit in gewisser Weise konterkariert. 

César macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Gedächtnis eines Landes. Die vier gestürzten Denkmäler werden zum Sinnbild der politischen Wirren, die in Guinea-Bissau bis heute ihren Nachhall finden. Im Mittelpunkt dreier weiterer Filme, die ebenfalls im Kunstmuseum St. Gallen zu sehen sind, stehen das weitgehend zerstörte Staatsarchiv und das verwahrloste Filmarchiv des Landes. César nimmt es als eine Vernachlässigung der eigenen Geschichte wahr. Besonders eindringlich ist der knapp halbstündige Film „The Embassy“, obwohl oder eher gerade weil er mit einfachsten Mitteln erzählt wird. Im Bild die Hand des Journalisten Armando Lona, der Seite für Seite durch eines der wenigen erhaltenen Fotoalben des Staatsarchivs blättert. Wir sehen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den 1940er und 50er Jahren. Es sind Fotos, die das Land aus dem Blickwinkel der ehemaligen Kolonialherren zeigen, während Lona mit sanfter Stimme der Künstlerin Geschichten aus dem Alltag der Einwohner Guinea-Bissaus erzählt. Immer wieder macht er sie auf Einzelheiten, die auf den alten Fotografien zu erkennen sind, aufmerksam. Es ist eine sehr persönliche Geschichtsstunde.

Die Filmarbeiten „Conakry“ und „Cuba“ spüren dem kinematografischen Vermächtnis Guinea-Bissaus nach. Die alten Filmrollen sind von der Zerstörung bedroht. Das kollektive Gedächtnis der Nation ist auch hier dem Verfall preisgegeben. Geschickt kombiniert César mehrere Bedeutungsebenen und erinnert vor allem an den Unabhängigkeitskampf, der in den 1970er Jahren filmisch dokumentiert wurde. Die Aufnahmen sind zum Teil erstmals öffentlich zu sehen. In Berlin ließ César über 40 Stunden Filmmaterial und mehr als 200 Stunden Tonmaterial digitalisieren und konnte damit wenigstens einen Teil des Archivs retten.

Architektur ist das Thema von „Porto“. Der in einer einzigen Kamerafahrt gedrehte Film, eine Auftragsarbeit für die Architektur Biennale in Venedig, führt uns durch die Gebäude eines sozialen Wohnungsbaukomplexes, der bei Baubeginn heftig umstritten war. Der Film hat etwas Leichtes, Spielerisches. Die Kamera durchquert Straßen und Plätze, eilt durch Wohnungen und stoppt schließlich in einem Architekturbüro. Der Kreis schließt sich. Die Künstlerin sieht ihren Film als Gleichnis. Das Schlussbild entspricht dem ersten Bild des Films. Anfang und Ende werden eins.        

Filipa César: Single Shot Films.

Kunstmuseum St. Gallen

Museumstr. 32, St. Gallen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00, Mittwoch bis 20.00 Uhr.

Bis 23. Juni 2013.




Kunstmuseum St. Gallen