27/05/13

Radikale Zeitgenossenschaft

Das Morat-Institut in Freiburg gibt einen Einblick in die Ideenwerkstatt Gustav Metzger.

von Annette Hoffmann

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Installationsansicht "Gustav Metzger, Years without art" im Morat-Institut für Kunst- und Kunstwissenschaft, Freiburg

 Das Morat-Institut in Freiburg gibt einen Einblick in die Ideenwerkstatt Gustav Metzger.

 

Die documenta-Teilnahme von Gustav Metzger 2012 konnte schon nicht mehr überraschen. Wohl keiner von jenen Künstlern, die zu kennen lange einer Insider-Gemeinde vorbehalten war, erlebte in den letzten Jahren eine derartige Aufmerksamkeit wie Gustav Metzger. Nicht zuletzt waren es jüngere Kuratoren wie Adam Szymczyk, der Metzger 2006 in der Kunsthalle Basel eine Ausstellung widmete, die sein Werk einem breiterem Kunstpublikum bekannt machten. Die Gründe für das Revival des 1926 in Nürnberg geborenen Künstlers liegen wohl in seiner Radikalität. Metzger, der durch einen Kinder-Transport nach England dem Holocaust entkam, begann sich bereits in den 1950er Jahren in der Anti-Atomkraftbewegung zu engagieren. 1958 initiierte er mit anderen in England den ersten Ostermarsch und 1977 rief er seine Künstlerkollegen zu einem dreijährigen Streik auf aus Protest gegen einen rein kapitalistisch ausgerichteten Kunstmarkt. Bekanntlich kam es anders.

Eine von Samuel Dangel und Sören Schmeling kuratierte Ausstellung im Freiburger Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft knüpft an diesen „Years without art“ an und rückt Metzgers künstlerische Projekte, die immer auch politische waren, in den Mittelpunkt. Bereits im T66 präsentierten die beiden Kuratoren 2012 Metzger als sozialkritischen Künstler, der zusammen mit Klaus Staeck und Cordula Frowein auf die Kölner Westkunst-Ausstellung mit dem „Entwurf einer Ausstellung“ reagierte, die vor allem ein Diskursraum war. Dass nun erneut in Freiburg auf Metzger hingewiesen wird, hängt mit seiner Bibliothek zusammen, die seit 1989 von der Stiftung verwahrt wird. Als sich Metzger in den 1980er Jahren in Deutschland aufhielt, begann er systematisch nach seinen Interessen Bücher zu sammeln. Wer den Ausstellungsraum betritt, passiert Meter an Regalen. 700 Publikationen von insgesamt 3000 sind in ihnen aufgereiht, darunter auch Propaganda-Broschüren über „Glaube und Schönheit auf dem Lande“, die Kunst Arnold Brekers, Hans-Joachim Winklers Studie über die „Legenden von Hitler“. Doch nicht nur das „Dritte Reich“ und die Holocaust-Forschung studierte Metzger, er befasste sich auch mit der Kunst der 1910er und 1920er Jahre. Werke zur Arts and Crafts-Bewegungen finden sich ebenso in den Regalen wie solche über Fotografie, Otto Dix und Bretons Schrift über den Surrealismus. Der unmittelbaren Ausstrahlung dieser Bücher-Fetische kann man sich nur schwer entziehen und dennoch stehen sie in diametralen Gegensatz zu den Polaroid-Aufnahmen, die den chaotischen Zustand von Metzgers Frankfurter Schreibtisch zeigen.

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"Gustav Metzger, Years without art" im Morat-Institut für Kunst- und Kunstwissenschaft, Freiburg

Die Kunstprojekte Metzgers spiegeln dieses breite Wissen wieder. Die Grafik in einer der Ausgaben von „Page. Bulletin of the Computer Arts Society“, ein frühes Magazin für Computerkunst für das Metzger als Redakteur arbeitete, griff ein Mappenwerk von El Lissitzky über die Oper „Sieg der Sonne auf“. Und hier kann und muss man sich einlesen: in den Entwurf für das Stockholm June-Projekt, bei dem erst die Produktion schädlicher Abgase durch die Autos demonstriert werden sollte und diese schließlich in einem Fanal in die Luft gesprengt werden sollten. Oder in ein Modell für die Rückwand der Kunsthalle Basel, an der Metzger schräg stehende Kühlschränke installieren wollte, um auf die Auswirkungen des Treibhausgases hinzuweisen. Wer die Muße mitbringt, sich in das umfassende Archivmaterial einzuarbeiten, entdeckt einen Künstler, der immer Zeitgenosse geblieben ist.

Gustav Metzger: Years without Art.

Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft, Lörracher Str. 31, Freiburg.

Öffnungszeiten: Samstag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 8. Juni 2013.

 




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