13/05/13

Mediale Knautschzonen

In einer Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn gibt Olaf Metzel den Printmedien ihre Aura zurück.

von Leonore Welzin
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Olaf Metzel, Oscar Niemeyer, 2012, © 2013 VG Bild‐Kunst, Bonn

In einer Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn gibt Olaf Metzel den Printmedien ihre Aura zurück.


Kein „Randale-Denkmal“ (1987) aus Absperrgittern wie in Berlin, kein „Turbokapitalismus“ (1999) aus Stahlrohren, kein „Cash Flow“ (2005) wie in Frankfurt, auch keine ausrangierten, zum Turm gestapelten Stadionsitze, wie beim Fußball-Projekt (2006) in Nürnberg: Es sind zerknüllte Zeitungsseiten, die im Mittelpunkt von Olaf Metzels Heilbronner Werkschau „Aus der Kurve" stehen. Kuratiert von Matthia Löbke, der Ausstellungsleiterin des Kunstvereins Heilbronn, zeigt der Bildhauer Metzel in den Räumen der Kunsthalle Vogelmann und des Kunstvereins eine Auswahl von Werken der letzten 25 Jahre.

 

Der passionierte Zeitungsleser Metzel baut bereits 1989 aus Matrizen Stellwände, setzt mit „Il messaggero, giovedi 6. Ottobre 1988“ der italienischen Tageszeitung ein Denkmal. Wo ist die Kaffeehauskultur geblieben, als man zum Kaffee die Tageszeitung bekam und dazu eine Zigarette rauchte? Wie der französische Literat Marcel Proust sich auf die „Suche nach der verlorenen Zeit“ begibt, untersucht der Bildhauer und Objektkünstler Olaf Metzel das allmähliche Verschwinden der Zeitung, nicht ohne Witz.

Gern als „Professor der Provokation“ bezeichnet, ist der 60-jährige Hochschullehrer, der seit 1990 Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München lehrt, seinem Credo treu geblieben – doch die „Provokation als Denkanstoß“ kommt in dieser Schau aus Skulpturen, Reliefs, Objekten und Installationen weniger lautstark, weniger vordergründig daher. Mannigfaltig wie das Ausgangsmaterial, die zerknüllten, zerdrückten und zerknautschten Zeitungsblätter, Werbebotschaften, Katalogseiten, sind auch die Denkan­stöße. Es ist, als habe Metzel den Faltenwurf studiert, mit Zufallsprinzip und Printmedien gekreuzt, sowie mehrfach vergrößert, gebogen und gebrochen auf Aluminiumblech appliziert.

Architektur von „Oscar Niemeyer“ (2012), Stilikonen wie „Veruschka“ (2010) und „Amy Winehouse“ (2011) oder das Konterfei von „RAF“-Mitgliedern (2012) lugen aus den medialen Knautsch- und Knitterzonen. Schwarz auf Weiß erinnern die „Fassbinder Fragmente“ (2012) an den frühvollendeten Filmemacher, der die Meinung vertrat, je persönlicher man in der Arbeit werde, desto allgemein verständlicher werde es. Weg mit den Matrizen der „Bild Ruhrgebiet 22.12.2009“, was aussieht wie Papiermüll in transparenten Plas­tiksäcken ist ein für alle Mal in Plexiglas eingeschweißt. Wer war nochmal „Gio Ponti“? Wieso waren die Deutschen auf „Balotelli“ sauer? „Das Schweigen von Marcel Duchamp“ kann einen ebenso ins Grübeln bringen, wie „Utopia“ (2012), ein Plattenbauten-„Niemandsland“ (2012) oder Feuilleton-Debatten um Kunstfälscher-Skandal und Reliquienkult.

Aus dem informationellen Grundrauschen filtert Metzel Momentaufnahmen heraus und rettet sie in die historische Zeit. En passant schlägt er Walter Benjamin ein Schnippchen und gibt dem Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Aura zurück. Schließlich treibt Metzel im Schatten von Proust ein raffiniertes Vexierspiel mit Widersprüchen, Subtexten und Metaebenen. Es ist wie die Suche nach dem berühmten „gelben Mauerstück“ auf Vermeers Gemälde „Ansicht von Delft“, das der französische Schriftsteller angeblich sah - literarisch behauptet er das zumindest - obwohl es gar nicht auf dem Bild ist, umso präsenter dagegen im Kopf des Betrachters. „Gelbes Mauerstück (ein Apfel für das Rot)“ heißt denn auch das größte der Zeitungsreliefs von Metzel. Gegenüber platziert er seine Bronze „Turkish Delight“ (2007), ein weiblicher Akt, allein bekleidet mit Kopftuch. Betrachtet man das „Gelbe Mauerstück“ aus der Perspektive „Türkischer Freude“ tun sich ganz neue Assoziationsfelder auf – ganz wie bei Proust.      

 

Olaf Metzel: Aus der Kurve. Arbeiten von 1988–2013.

Eine gemeinsame Ausstellung des Kunstvereins Heilbronn in der Kunsthalle Vogelmann, Allee 28, Heilbronn.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 23. Juni 2013.

Katalog: Kaffee, Zeitung, Zigaretten, Snoek Verlag, Köln 2013,

144 S., 29,80 Euro | ca. 42.90 Franken.

 




Kunsthalle Vogelmann
Kunstverein Heilbronn