10/05/13

Der Haiku als Bildprogramm

Leiko Ikemura vermisst in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe den Raum zwischen Sichtbarkeit und Vorstellung.

von Dietrich Roeschmann
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Leiko Ikemura, White Sleep, 2010, Courtesy Galerie Karsten Greve, Köln, Paris, St. Moritz © VG Bild-Kunst, Bonn 2013, Foto: Sasa Fuis 

Leiko Ikemura vermisst in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe den Raum zwischen Sichtbarkeit und Vorstellung.

Das Licht, das durch die verhängten Fenster der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe scheint, schafft eine milde, fast entrückte Atmosphäre, die gut zur aktuellen Werkschau von Leiko Ikemura passt, die hier zu sehen ist. Rund 140 Arbeiten der schweizerisch-japanischen Malerin und Bildhauerin umfasst die Ausstellung, und schon im ersten Saal mit plastischen Arbeiten aus den vergangenen zehn Jahren wird deutlich, warum die 61-Jährige als der Poetin der Flüchtigkeit gilt. Auf einem bühnengleichen Sockel ruht hier in Seitenlage die weiß lasierte Terrakotta-Figur „Memento mori“ (2012). Die Beine des kindlichen Körpers fehlen, stattdessen wächst ihm ein muschelartiges Geschwür aus dem Unterleib. Der schrundige Spalt, der sich darin öffnet, lässt den Blick ins Dunkel des hohlen Körpers taumeln, unentschieden zwischen Ekel, Andacht, Schock und Mitleid. Die Auseinandersetzung mit Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und Tod prägen Ikemuras Werk schon seit langem, ebenso ihr grundsätzliches Misstrauen in das menschliche Sehvermögen. „Augen sind fragwürdige Organe, die sich unbemerkt der Welt verschließen“, sagt sie. Mit ihrer Kunst will sie den Blick für das nicht Sichtbare öffnen.

Während die bleiche Kindplastik so aus blinden Augenhöhlen den Blick nach innen zu richten scheint, gibt sich ihr Körper ganz dem Lauschen nach außen hin: ein Ohr auf dem Sockel ruhend, gen Erde gerichtet, das andere wie ein Loch in den Kopf geschnitten, gewissermaßen als Verstärker für das Rauschen der Welt, das vom Muschelmund des Unterleibs aus durch den Hohlkörper zieht. Als poetische Form steht dieser Hohlkörper, der mal ein flüchtiges Gefühl, mal eine vage Idee umschließt, auch ihrem malerischen Werk Modell. Zu Recht wird Ikemuras Kunst oft mit der des japanischen Haikus verglichen. Der knappe Dreizeiler, der auf engstem Raum Profanes und Spirituelles zum präzisen Bild einer ebenso flüchtigen wie universellen Wirklichkeit verdichtet, findet in ihren trockenen, oft wie Frühnebel aus grober Leinwand aufsteigenden Landschaften ein visuelles Pendant. Ikemura lässt in ihrer Malerei die Grenzen zwischen Abbild, Imagination und Halluzination verschwimmen. Berge tragen hier manchmal Krötengesichter, Felsen mutieren zu Schädeln, Mädchenkörper zu Bäumen und nicht selten spiegelt sich in ihren Bildern die spirituelle Kunstgeschichte des Horizonts von Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ bis hin zu den Seestücken des Fotokonzeptualisten Hiroshi Sugimoto.

Leiko Ikemura wuchs in der Hafenstadt Tsu nahe Osaka auf. Nach einem Sprachstudium in Japan schrieb sie sich an der Kunstakademie Sevilla ein, kam mit 28 in die Schweiz, heiratete dort und blieb. Anfang der Achtziger gehörte sie zur jungen Zürcher Kunstszene, die nach den Opernhauskrawallen „Freie Sicht aufs Mittelmeer“ forderte, bevor sie dann über Köln, dem Epizentrum der „Neuen Wilden“, nach Berlin zog, wo sie heute Malerei an der Universität der Künste lehrt. Eine ihrer Arbeiten aus der Zürcher Zeit ist auch in Karlsruhe zu sehen: „Kamikaze“ von 1980 zeigt einen Kampfjet, der aus grauem Himmel auf ein Schiff stürzt. Als einziges Bild aus ihrem figurativen Frühwerk eröffnet es den 2005 entstandenen „Asuka“-Zyklus, den Ikemura nach dokumentarischen Aufnahmen von Seeschlachten zwischen Japan und den USA  malte. Die blitzweißen Farbreflexe und grau schäumenden Wirbel, die hier aus finsteren Bildgründen auftauchen, setzen jedoch nicht zuerst Kriegshandlungen ins Bild, sondern das intensive Gefühl existenzieller Bedrohung, das von ihnen ausgeht. Bilder wie diese machen eine bislang wenig beachtete politische Dimension in Ikemuras Werk sichtbar, die auch ihre jüngsten Arbeiten prägt. Einen Höhepunkt bilden hier die erstmals gezeigten Aquarelle des Zyklus „Artists, Popes & Terrorists“. Nach Vorlage von Zeitungsfotos entstanden, versammelt diese bemerkenswerte Serie rund 30 zarte, fast durchscheinende Porträts von Berühmtheiten wie Benedikt XVI., Frida Kahlo, Ulrike Meinhof oder Diego Velasquez, unter die sich mexikanische Kleinkriminelle mischen oder eine weinende Japanerin aus Fukushima. Das Wissen um den realen Kontext dieser Porträts lässt sie als hybride Gesichtslandschaften erscheinen, die den Raum des Politischen zwischen Sichtbarkeit und Vorstellung vermessen.    

 

Leiko Ikemura: i-migration.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hans-Thoma-Str. 4, Karlsruhe.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 16. Juni 2013.

Katalog: Hatje Cantz, Ostfildern 2013, 208 S., 35 Euro | 49.90 Franken.

 




Kunsthalle Karlsruhe