06/05/13

Kalauer, Pointen, Provokationen

Das ZKM Karlsruhe zeigt die längst überfällige Retrospektive des Malers Werner Büttner.

von Johannes Halder

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Werner Büttner, Die Avantgarde von hinten, 2011, courtesy Galerie Grässlin (l.);  Fotos: Egbert Haneke, © Werner Büttner

Das ZKM Karlsruhe zeigt die längst überfällige Retrospektive des Malers Werner Büttner.


Als der Soziologe Arnold Gehlen in den 1960er-Jahren die Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst beklagte, konnte er nicht ahnen, dass der Kommentar einmal selbst zum Kunstwerk werden würde. Werner Büttner ist so einer, der dem Betrachter die Bilder erklärt mit banalen Themen, die jeder versteht, und kommentierenden Titeln, die keinen Zweifel daran lassen, was auf seinen Bildern dargestellt ist. Er malt eine Bratwurst im deutschen Wald, nennt das „Der romantische Imperativ“ – und man muss nicht beim Philosophen Kant nachschlagen, um zu merken, wie das gemeint ist: ironisch natürlich.

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Werner Büttner, Der romantische Imperativ, 2007, courtesy Galerie Grässlin (l.);  Fotos: Egbert Haneke, © Werner Büttner

Doch kein Spießbürger würde sich die gemalte Bratwurst übers Sofa hängen. Dazu ist sie ihm zu wenig Kunst. Es ist ein intellektuelles Spiel, das deshalb salonfähig ist, weil es den sogenannten schlechten Geschmack verspottet und sich über die Funktionsweise moderner Kunst lustig macht, und es gehört zur Tragödie der Moderne, dass die Malerei heutzutage oft nur noch ironisch funktioniert. Werner Büttner ist an diesem Trend zum hintergründig Trivialen nicht unschuldig. Er hat ihn sogar mitgeprägt, damals in den 80er-Jahren, als er zu denen gehörte, die die totgesagte Malerei wiederbelebten, indem sie trotzig weitermalten. „Das war eine strategische Entscheidung. Wenn behauptet wird, das Ding ist tot, das ist nur ein bürgerliches Transportmittel, um die Wohnung zu beruhigen, dann musste man genau das nehmen und zeigen: Es ist nicht tot.“ Fast alle von Büttners Bildern funktionieren nach demselben Prinzip: Der Titel ist die halbe Miete. Ohne Titel würde das Bild nicht wirken, aber der Titel braucht auch das Bild. So malt er also einen „Kleinen Hängebusen mit Fingerabdrücken“, eine „Kuh, die einen blauen Pullover gefressen hat“, ein „Stillleben mit Schwein und Autoreifen“ oder eine „Titte mit Totenkopf“, und einmal schreibt er auf ein Bild mit sehr abstrakten Fischen den tröstenden Satz: „Fische sind etwas Gutes, sonst hätte sie Jesus nicht vervielfältigt“.

Nun gut, Büttners Bilder sind manchmal nicht mehr als illustrierte Sprüche, und sein Humor ist oftmals von der Art, die heutzutage auf Facebook und Youtube massenhaft kursiert und sich schneller abnutzt, als man klicken kann. Damals, als er anfing, gab es einen Hunger nach Bildern, heute leben wir in einer Bilderflut – das ist auch Büttners Problem. Und so ist sein Werk eine Art gemaltes Tagebuch, in dem er die Welt beobachtet, politisch und privat – und eigentlich will er nur „ein Lebensgefühl wiedergeben. Wie hat sich das angefühlt, was ich hier erlebt habe in der Zeit, die ich hier sein konnte? Und das ist in der Moderne ein klein wenig verschwunden, dieses Mysterium des Gefühls. Da war ziemlich viel cooles Zeug da und Strategien, Könnerschaft, Virtuosität – aber ein Lebensgefühl abbilden, das ist ein bisschen vernachlässigt worden.“

 Büttners Bilder freilich sind von der gefühlten Qualität eines Dekorationsmalers – was ihn aber gar nicht stört. Pfuschen als Stil, Stümpern als Prinzip, das ist natürlich auch eine gute Ausrede. Und Büttner gibt noch einen drauf: „Ich fand immer, man kann nicht ganze Nachmittage vor der Leinwand verbringen. Da gibt's noch viel mehr zu erledigen.“ Schnelle Einfälle, schnelle Bilder – in der Überfülle der rund 400 gezeigten Werke entdeckt man neben Albernheiten und Kalauern auch politisch Tiefsinniges, treffende Pointen und Provokationen, aberwitzige Skizzen, geistreiche Skulpturen und Objekte, alles in allem recht gute Unterhaltung.

An einen wie Martin Kippenberger, der zu seinem Werk auch die persönliche Passionsgeschichte mitgeliefert hat, reicht Büttner freilich nicht heran. Als Hamburger Kunsthochschulprofessor ist er Beamter, da wird man schlecht zur Legende. Und die Kunst schreitet derweil munter voran. „Die Avantgarde von hinten“, heißt ein Bild von 2011; dargestellt ist, wie der Titel sagt, die davonreitende Kavallerie. Der Maler hat das Nachsehen. So richtig aktuell wirkt das nicht. Muss es auch nicht. Büttner wird demnächst 60, seine Malerei hat er bis heute durchgehalten, sein freches Frühwerk ist schon museal. Und überhaupt meint Büttner: „Moderne Kunst kann man verstehen, moderne Welt nicht.“ Da hat er nun auch wieder Recht.     

Werner Büttner: Gemeine Wahrheiten.

ZKM

Lorenzsstr. 19, Karlsruhe. Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 22. September 2013.

 




ZKM