22/04/13

Haris Epaminonda

Schnitte durch Papier, Film, Raum und Geschichte: Die griechisch-zypriotische Künstlerin Haris Epaminonda erfindet die Collage neu, zu sehen im Kunsthaus Zürich.

von Dietrich Roeschmann
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Haris Epaminonda, Chapters, 2013, Stills, 16mm-Film, digital umgewandelt, Vier-Kanal-Videoinstallation, 65 Min. (#1), 43 Min. (#2), 70 Min. (#3), 64 Min. (#4), Loop, Sound: Part Wild Horses Mane On Both Sides

© Haris Epaminonda


Schnitte durch Papier, Film, Raum und Geschichte: Die griechisch-zypriotische Künstlerin Haris Epaminonda erfindet die Collage neu, zu sehen im Kunsthaus Zürich.

 

Kassel ist kein Ort der Poesie. Dass das bis auf Weiteres auch so bleiben dürfte, lassen die Brachen am Hauptbahnhof erahnen. Leere Schuppen und verwaiste Büros aus den Sechzigern rotten hier vor sich hin. Von Ateliers war einmal die Rede, die dort einziehen sollten, doch statt der Kreativszene sprießt auf dem Gelände nur Unkraut. Ein perfekter Ort für Haris Epaminonda. Die junge griechisch-zypriotische Künstlerin hat ein Faible für solche Räume im Stand-by-Modus. Schwebezustände sind ihr Thema, abgelegte Dinge, gefundene Bilder und Mitschnitte verblichener Farbfilme ihr Material. Mit großer Sorgfalt arrangiert Epaminonda diese namenlosen Überreste gelebter Alltagskultur zu museal anmutenden Rauminstallationen von atemberaubender Verführungskraft – mit bemerkenswertem Erfolg. Als sie Zypern 2007 an der Venedig-Biennale vertrat, war sie gerade mal 27. Es folgten Ausstellungen in der Tate Modern und im MoMA New York. Doch ihren Durchbruch hatte Haris Epaminonda 2012 – in Kassel. Zusammen mit dem deutschen Künstler Daniel Gustav Cramer verwandelte sie dort eines der leer stehenden Bahnhofsgebäude in einen rätselhaften Kosmos aus akkurat geschnittenen Collagen, ethnografischem Kunsthandwerk, Super-8-Naturfilmen und Dias antiker Objekte, der Zeit und Raum völlig entrückt schien. Der verwinkelte Parcours, umspült von flirrenden Soundcollagen, war eines der absoluten Highlights der Documenta 13.


Im Kunsthaus Zürich ist derzeit ihre jüngste und bislang aufwändigste Arbeit zu sehen, mit der sie zugleich ein neues Kapitel aufschlägt. Die rund vierstündige Filmcollage „Chapters“, die die mittlerweile in Berlin lebende Künstlerin im vergangenen Herbst auf Zypern drehte, wurde eigens für diese Schau produziert. Statt wie bisher auf Found Footage aus alten TV-Soaps oder griechischen Melodramen zurückzugreifen, engagierte Epaminonda hierfür erstmals Schauspieler, die sie in aufgeladenen, an Filme von Pasolini, Isaac Julien oder Derek Jarman erinnernden Bildern auf eine Reise durch das Land ihrer Geburt schickte. Ihrer eigenwilligen Ästhetik, diesem selbstvergessenen Flow der Zeitlupen, Fehlbelichtungen und stoischen Einstellungen, tut der Sprung vom gefundenen zum erfundenen Bild keinen Abbruch. Auch mit „Chapters“ bleibt Haris Epaminonda ihrem Prinzip der Collage treu – im Wissen, dass oft ein einziger Schnitt ausreicht, um aus zwei Bildern eine neue Welt zu erschaffen, in der das verschüttete Gedächtnis unserer Gegenwart sichtbar wird. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Arbeiten der Zypriotin immer wieder um diesen Zustand des Dazwischen kreisen, wo Erinnerung, Assoziation und Traum zusammenfallen. In Nikosia geboren, wuchs Epaminonda unweit der „Grünen Linie“ auf, einer provisorischen Materialcollage aus Ölfässern, Bretterverschlägen und Stacheldraht, die Zypern seit 1974 teilt. Im breiten Niemandsland zwischen dem griechischen und dem türkischen Teil patrouillieren seither UN-Blauhelme und sorgen dafür, dass dieses Provisorium unangetastet bleibt. Eine Sequenz in „Chapters“ fängt diese Wirklichkeit der Teilung in einem geradezu verwunschenen Landschaftsbild ein: Hinter einer einsamen Palme, die sanft im Wind wiegt, zeichnet sich am Horizont die blasse Silhouette eines Vulkans ab. Was der Berg nicht verrät. Er steht heute in der Friedenszone, zu seinen Füßen diesseits und jenseits der Grenze die Ruinen zweier im Krieg zerstörter Dörfer.   

       

Haris Epaminonda: South of Sun.

Kunsthaus Zürich, Helmplatz 1, Zürich.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 10.00 bis 20.00 Uhr, Dienstag, Samstag und Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 5. Mai 2013.

 




Kunsthaus Zürich