18/04/13

Zum Verwechseln ähnlich

Die Ausstellung „Ansichtssache“ im Bündner Kunstmuseum reflektiert Fotografie- und Architekturgeschichte zugleich.

von Annette Hoffmann
Thumbnail

 bildbausteiner.jpg

Albert Steiner, Liegehalle der Chirurgischen Klinik der Zürcher Heilstätte in Davos Clavadel (Rudolf Gabarel), um 1935 © Bruno Bischofberger, Meilen

Die Ausstellung „Ansichtssache“ im Bündner Kunstmuseum reflektiert Fotografie- und Architekturgeschichte zugleich.

 


Es war neblig, als Hans Danuser 1988 die Caplutta Sogn Benedetg von Peter Zumthor fotografierte. Während Danusers Innenaufnahmen jedes architektonische und handwerkliche Detail würdigen, macht die Kapelle des Heiligen Benedikts von außen den Eindruck eines reinen Zweckbaus. Das Kirchenschiff, das die Form eines Blatts hat, scheint sich aus Danusers Perspektive neben dem Campanile zu einem hölzernen Turm zu runden. Über mehrere Jahre hielt die Verbindung zwischen dem Churer Architekten und Hans Danuser an, Fotografien entstanden, die die Rezeption zeitgenössischen Bauens bestimmten. Nicht um eine dokumentarische Wiedergabe ging es dem Fotografen, sondern um eine künstlerische Annäherung an Architektur, die mitunter einer Skulptur zum Verwechseln ähnlich sah.

 Hans Danusers Herangehensweise ist nicht die einzig denkbare wie derzeit die Ausstellung „Ansichtssache. 150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden“ im Bündner Kunstmuseum zeigt. Derartige Architekturausstellungen haben in Chur eine eigene Geschichte. 1988 präsentierten die „analogen Architekten“ um Conradin Clavuot, Jürg Ragettli und Christian Kerez, allesamt Absolventen der ETH Zürich, ihre Ideen von einem Bauen, das sich an den großen Vorbildern orientiert und doch die regionale Architektur miteinschloss. Dass „Ansichtssache“ zudem Teil des Churer Projektes „In Relation. Landschaft, Kunst & Architektur“ ist, an dem neben der Stadtgalerie Chur, auch das Forum Würth sowie die Galerie Luciano Fascati und der Kunstraum Sandra Romer beteiligt waren, verweist auf ein breites Interesse. Die Landschaft stellt ihre Herausforderungen. Tatsächlich gehen bei der Erschließung des größten, aber bevölkerungsärmsten Kantons der Schweiz architektonische Leistungen und die Fotografie eine enge Verbindung ein. Es ist der Tourismus, der die Gebirgslandschaft erobert. Die Rhätische Bahn bringt Urlauber in Dörfer und Kleinstädte, die ihre Entwicklung zu Zentren des Fremdenverkehrs noch vor sich haben. Vorbei kommen sie an pittoresken Orten, von denen es ebenso Ansichtskarten gibt wie von den Grandhotels, die das Bild dieses frühen Tourismus prägen. Und Fotografen können von ihrer Arbeit leben und richten sich Ateliers ein.

„Ansichtssache. 150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden“ setzt bei den Anfängen der Erschließung Graubündens an. Viele der Aufnahmen, für die das Bündner Kunstmuseum Archive geöffnet hat, sind für den Heimatschutz entstanden oder bilden die Leistungen der Ingenieure und Arbeiter im Brückenbau und für die Rhätische Bahn ab. Atemberaubende Gerüste und Stützbögen entstehen beim Bau des Langwieser-Viadukts in den 1910er Jahren und zwanzig Jahre später spannen sich die Träger von Robert Maillarts Salginatobelbrücke kühn über den Abgrund. Da ist es kein Zufall, dass Aufnahmen von Christian Kerez, der in den 1980er und 90er Jahre eine Reihe von Kraftwerken Graubündens fotografierte, an Sakralbauten erinnert. Der menschlichen Leis­tung, die hier die Natur überwand, wird ein Denkmal gesetzt. Und selbst modernistische Architektur findet sich in dieser Berglandschaft.

 

Eine Ausstellung, die auf 150 Jahre alte Aufnahmen zurückgreift, denkt die Wandlungen mit, die Fotografie seitdem erlebt hat. Zweckfrei jedenfalls war die Fotografie nie. Kurz nach der Jahrhundertwende etwa hat Johann Feuerstein in Scuol Engadinerhäuser aufgenommen, die wie kantige Körper wirken und die den zeitgenössischen Kriterien eines pittoresken Motivs genügen. Sie lassen Vorstellungen von einem Leben in der Natur aufkommen, die wie jede Landschaft auch ein Konstrukt sind. „Ein Bau erscheint auf dem Bild ab und zu schöner als in Wirklichkeit, denn diese nehme ich nicht mit aufs Bild“, sagt Ralph Feiner, der für Architekten und Magazine arbeitet. Den Kunstcharakter seiner Aufnahmen verschleiert er dabei dennoch nicht. Über Jahrzehnte hinweg hat er eine Typologie von Häuserfronten katalogisiert. Darunter befinden sich ein verrotteter Stall in Sumvitg, das weiße Schulhaus von Bearth & Deplazes in Vella und ein Werkbau in Samedan. Eine Serie ist eben auch die Konsequenz einer bestimmten Sichtweise.       

 

Ansichtssache. 150 Jahre Architekturfotografie in Graubünden.

Bündner Kunstmuseum

Postplatz, Chur.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 12. Mai 2013.

Katalog: Scheidegger & Spiess, Zürich 2013, 383 S., 48 Euro | 58 Franken.

25. April 2013, 18.00 Uhr: Bücherabend

2. Mai 2013, 19.00 Uhr: Fotografie im Dienst der Architektur? Gespräch mit Peter Zumthor, Valentin Bearth und Andrea Deplazes, Hans Danuser, Ralph Feiner, Köbi Gantenbei und Stephan Kunz.

 



 




Bündner Kunstmuseum