16/04/13

Offensichtliche Fiktionen

Eine Ausstellung im Schweizer Architekturmuseum fragt nach der Bedeutung des fotografischen Bildes für die Architektur.

von Annette Hoffmann
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Peter Zumthor, Steilneset, Memorial for the Victims of the Witch Trials in the Finmark, Vardø, Norwegen, 2011,

Foto: Bjarne Riesto

Eine Ausstellung im Schweizer Architekturmuseum fragt nach der Bedeutung des fotografischen Bildes für die Architektur.

 


Die Frage, ob Fotografie lügt, hat sich lange nicht mehr gestellt. Zu deutlich schien der Kunstcharakter des Mediums, um eine welch auch immer geartete Wahrheit für sich in Anspruch zu nehmen. In der Präsentation des Schweizer Architekturmuseum „Bildbau. Schweizer Architektur im Fokus der Fotografie“ lässt die Frage nach der Wirklichkeit nicht lange auf sich warten. Das hat viel mit der Funktion der Fotografie für die Dokumentation der Baugeschichte zu tun. In Frankreich rief die Commission des monuments historiques bereits 1851 die Mission heliographiques aus. Mittels Fotografien, auch Detailaufnahmen, sollte entschieden werden, ob ein Bauwerk als Monument historique eingestuft werden sollte. Selbst Amateure beteiligten sich daran. Wie sehr sich jedoch die Funktion der Fotografie gewandelt hat, wird deutlich an Thomas Ruffs Bild des Ricola-Lagerhauses in Laufen aus dem Jahr 1992. Der Düsseldorfer Fotograf war nicht einmal mehr vor Ort. Er beauftragte mehrere Fotografen das Gebäude aus bestimmten Perspektiven aufzunehmen und setzte das Foto dann am Computer zusammen. Das Bild ist eine offensichtliche Fiktion.

„Der Wunsch nach Bildern wird durch Ausstellungen und Publikationen an mich herangetragen; dem muss ich mich fügen, sonst entsteht von mir das Bild eines unzugänglichen Spinners“, sagt der Schweizer Architekt Peter Zumthor. Es sind nicht zuletzt die aufwendig gestalteten Architekturmagazinen, deren Bedarf nach Abbildungen der Bauten mit Wiedererkennungswert hoch ist und dadurch selbst abgelegene Gebäude für den Leser erschließen. Natürlich trägt auch die Ausstellung im SA M zu diesem Mythos bei, den sie zugleich dekonstruiert. „Bildbau“ bedenkt einerseits die historische Seite der Beziehung zwischen Fotografie und Bild, stellt ikonische Bauprojekte vor und lässt in einer Reihe von Videointerviews eine ganze Reihe von bekannten Architekten zu Wort kommen. Im Interview, das mit den Zürcher Architekten Annette Gigon und Mike Guyer geführt wurde, wird klar, dass die Fotografie keine dokumentarische Aufgabe mehr übernimmt und dass Renderings für Wettbewerbe von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind. Wirklichkeitsgehalt müssen diese Simulationen nicht einmal mehr beweisen. Mehr noch: je präziser ein Modell, desto weniger ikonisch könne es sein, ist sich Annette Gigon sicher. Das Architekturduo Gigon/Guyer arbeitet seit einigen Jahren mit bildenden Künstlern zusammen. Annelies Štrba und Erik Steinbrecher etwa machten 2011 Aufnahmen des Zürcher Prime Tower, für die Steinbrecher eine Perspektive wählte, aus der ein Baum den Turm völlig verdeckte. Andere Architekturfotografien sind geradezu ikonisch geworden. Das trifft vor allem auf Hans Danusers Fotografien von Peter Zumthors Benedikt-Kapelle in Sumvitg zu, die er von unterschiedlichen Standorten festgehalten hat oder seiner Therme in Vals, für deren Details und Materialität Hélène Binet die Aufmerksamkeit des Betrachters geweckt hat. Besonders bei den Bauten, die im Kanton Graubünden entstanden sind, fällt der Bezug zur Landschaft und den Baustoffen, die dort vorzufinden sind, auf. Architektur lässt sich auf Papier bannen und in den allgegenwärtigen Bilderkreislauf einfügen. Mit der Wirklichkeit muss das nicht immer etwas zu tun haben.

Bildbau. Schweizer Architektur im Fokus der Fotografie.

Schweizer Architekturmuseum, Steinenberg 7, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.30 Uhr, Samstag und Sonntag 11.00 bis 17.00.

Bis 21. April 2013.

 

 





 


 

 

 




Schweizer Architekturmuseum