12/04/13

Größe auf kleinem Format

Die New Yorker Malerin Elizabeth Peyton in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

von Fiona Hesse
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Elizabeth Peyton, What Wondrous Thing Do I See... (Lohengrin, Jonas Kaufmann), 2011-2012, © 2013 Elizabeth Peyton, Sammlung der Künstlerin, New York.

Die New Yorker Malerin Elizabeth Peyton in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.

 

Bereits im ersten Raum wird Musikgeschichte präsentiert: Linker Hand Pop-Ikone David Bowie, an der Stirnseite der Indie-Rock-Sänger Julian Casablancas von der Band „The Strokes“ und rechter Hand Star-Tenor und Wagner-Interpret Jonas Kaufmann. Irritierend ist dabei im ersten Moment nicht, dass hier die unterschiedlichsten Musikstile so liberal in ein Konzert der künstlerischen und kuratorischen Freiheit integriert werden. Vielmehr überrascht bei der Größe der Namen das kleine Format der Bilder selbst. Und man ertappt sich, dass man ein weiteres Mal der Hoffnung gefolgt ist, endlich den Menschen hinter dem Namen erkennen zu wollen. Die Ausstellung „Here She Comes Now“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zeigt eine Auswahl an Musikerporträts der New Yorker Künstlerin Elizabeth Peyton. Der Titel ist dabei Programm und so vielschichtig wie der theoretische Unter- und Überbau der ganzen Präsentation. Ursprünglich ein Lied der von Andy Warhol gemanagten amerikanischen Rockband „The Velvet Underground“, wurde der Song vom Grunge-Helden Kurt Cobain und seiner Band „Nirvana“ gecovert. Elizabeth Peyton wiederum covert Porträts von Künstlern, deren Lebensleistung sie inspirieren, etwa Kurt Cobain. Dass dadurch viele Bilder bekannter Persönlichkeiten entstehen, die sie zum Teil noch nicht einmal selber kennt, hat ihr die Kritik eingebracht, hauptsächlich Celebrities zu malen. Dabei gilt das Interesse Peytons gar nicht dem großen und hellen Schein, der Stars und Berühmtheiten umgibt. Vielmehr ist es die Tatsache, wie Zeit und Kunst zusammenwirken und durch bestimmte Personen Geschichte geschrieben wird.

 

Im Fall der Baden-Badener Ausstellung über Musiker geht es um den Moment, in welchem der Künstler auf die Bühne tritt, um seine künstlerische Darbietung in Musik, in Kunst zu verwandeln. Genau darin liegt allerdings der durchaus kritisch zu betrachtende Dreh- und Angelpunkt dieser Präsentation: Am Anfang steht die fotografische Momentaufnahme eines Musikers. Diese wiederum wird von der Künstlerin Elizabeth Peyton nach eingehender Studie seiner Biografie in ein neues, subjektives Bildnis dieses Künstlers transformiert, das nun der Besucher dieser Ausstellung mit all seinen Vorurteilen, Hoffnungen und Idealen betrachtet. Unweigerlich fragt man sich: braucht es, um „einfach nur Bilder von Menschen zu malen“, wie Peyton selbst sagt, wirklich dieses komplizierte theoretische Konstrukt der künstlerischen Reflexion über die Transformation eines künstlerischen Prozesses? Braucht es wirklich diesen großzügigen und dadurch so bedeutungsschweren Raum, den Johan Holten, Kurator der Ausstellung und Direktor der Kunsthalle, ihren Werken gibt?

 

In jedem der Oberlichtsäle finden wir diese bunte, musikhistorische Mischung in Form größerer und kleinerer Ölgemälde, Zeichnungen oder Monotypien. Egal ob Grunge-Rocker Kurt Cobain, die Wagner-Tenor-Legende Ludwig Schnorr von Carolsfeld oder John Lyndon (aka Johnny Rotten) von den „Sex Pistols“: Bei allen Werken braucht es letztlich Nähe, um sich ganz auf die Bilder einzulassen. Während man die Distanz verringert, wird auf einmal unwichtig, welcher große Name dargestellt ist und durch wessen Augen man nun eigentlich sieht. Denn endlich ist in dieser Ausstellung Platz für das Wesentliche, die Kunst: Here she comes now, durch eine Künstlerin, der es gelingt, in kleinen Formaten große, zarte, melancholische, frische und intime Momentaufnahmen zu erschaffen. Inspiriert wurden sie vielleicht von Persönlichkeiten, die Musikgeschichte geschrieben haben. Aber vor allem sind es: Bilder von Menschen. Und vielleicht braucht es dann auch diese Leere drum herum, um all unsere Hoffnungen, alle theoretischen Konstrukte und unsere Vorurteile außen vor zu lassen und einfach nur eins zu tun, nämlich Kunst zu betrachten. 

Elizabeth Peyton, Here she comes now.

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Lichtentaler Allee 8b, Baden-Baden. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 18.00 Uhr. Bis 23. Juni 2013.

Katalog: Verlag Walther König, Köln 2013, 112 S., 35 Euro | 48 Franken.

 




Kunsthalle Baden-Baden