12/04/13

Wie wird Architektur lebendig?

Das Fotomuseum Winterthur feiert sein Jubiläum mit einer fulminanten Ausstellung zum Thema „Architektur und Fotografie“.

von Florian Weiland
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Concreteguidi.jpg

Guido Guidi, 
#1176 01 29 1997 3:30PM Looking Southeast,
 Aus Carlo Scarpa's Tomba Brion, 1997, 
C-Print, 
Courtesy der Künstler
 © Guido Guidi

Das Fotomuseum Winterthur feiert sein Jubiläum mit einer fulminanten Ausstellung zum Thema „Architektur und Fotografie“.

 

So nahe kann Architekturfotografie einem abstrakten Gemälde sein. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme Hiroshi Sugimotos vom Seagram Building in New York lässt sein Motiv völlig verschwinden. Trotz aller Unschärfe bleibt die Grundidee des Gebäudes, seine Quintessenz erhalten und zugleich ist Sugimoto eine künstlerisch sehr eigenwillige Darstellung von Ludwig Mies van der Rohes markanten Wolkenkratzern gelungen. Der japanische Fotograf will die „Architektur mittels eines Erosionsprozesses auf ihre Haltbarkeit prüfen“. Unweit von Sugimotos Foto finden sich in der Ausstellung „Concrete – Fotografie und Architektur“ drei historische Fotografien von Joseph Albert, Hoffotograf von Ludwig II. von Bayern, auf denen jedes Detail der üppig dekorierten Prunkräume erkennbar ist. Größer könnte der Kontrast kaum sein. Aber die große Jubiläumsschau, mit der das Fotomuseum Winterthur sein 20-jähriges Bestehen feiert, lebt von diesen unerwarteten Gegenüberstellungen.

 

„Stadt ist da, wo’s stinkt, laut und dreckig ist“, sagt Hannes Henz über seine Bilder, die Entwicklungsgebiete in Zürich vorstellen. Die Ausstellung zeigt Brachen ebenso wie touristische Sehenswürdigkeiten, die Schattenseiten der großen Metropolen, Gebäude prominenter Architekten wie anonyme und austauschbare Massenbauten. Autonome Arbeiten stehen neben rein sachlich dokumentarischen Aufnahmen, bekannte Namen wie Walker Evans oder Andreas Gursky neben gänzlich unbekannten.

Aus vielen Bildern spricht die Begeisterung für die architektonischen Leis­tungen, gerade die jüngeren Fotografen bewahren sich dagegen eine gewisse Skepsis als Grundhaltung. Mitunter bringen sie sogar etwas Humor ins Spiel.

 

Bilder prägen die Wahrnehmung. „Fotografie formt Architektur, verformt sie, vergrößert, verkleinert, erhöht oder erniedrigt sie“, fasst Kurator Thomas Seelig zusammen. Aber kaum je wird Architektur „in Ruhe gelassen“. Erst der fotografische Blick erweckt sie zum Leben. Die Ausstellung ist nach Themen geordnet und führt in umfassender Weise alle Facetten der Architekturfotografie von 1845 bis heute vor Augen. Die Schlagworte klingen, zugegeben, etwas reißerisch – „Aufbau, Verfall, Zerstörung“ – 9-11 darf hier nicht fehlen – oder „Haus, Heim, Unheimlich“. Sigmund Freud wird ins Spiel gebracht, die Zersiedlung der Landschaft wird thematisiert – besonders prägnant in der Werkserie von Ulrich Görlich und Meret Wandeler, die 63 Standpunkte im Schlieren im Abstand von zwei Jahren immer und immer wieder fotografiert haben. Stadtentwicklung als Fortsetzungsgeschichte. Bestimmte, aber oft nicht bewusst wahrgenommene Materialien werden in den Fokus gerückt, die Rolle von Architektur als Macht- und Propagandainstrument hinterfragt und sieben ausgewählte Städte – von Berlin über Venedig bis Winterthur – mit immer wieder überraschenden Sichtweisen fotografisch vorgestellt.

 

Eine Grundfrage zieht sich dabei durch die gesamte Ausstellung: Ist die Fotografie überhaupt (noch) das ideale Medium, um Architektur zu dokumentieren? Ist nicht vielmehr jedes Foto bereits eine Interpretation?

Die Wahl des Ausschnitts, die Perspektive und der Aufnahmezeitpunkt sind eine bewusste Entscheidung des Fotografen, der damit unvermeidlich unsere Wahrnehmung manipuliert. Man schaue nur auf die stimmungsvollen Schattenwürfe in den Architekturaufnahmen von André Kertész oder die genau komponierten, atmosphärisch dichten Szenen von Julius Shulman, die zu Ikonen der modernen Architekturfotografie geworden sind. Letztlich gilt: Um ein adäquates Bild von Architektur zu gewinnen, bleibt genau genommen nur das eigene Erleben, das Herumgehen im gebauten Raum.

       

Concrete – Fotografie und Architektur. Jubiläumsausstellung 1.

Fotomuseum Winterthur, Grüzenstr. 44 + 45, Winterthur.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 20. Mai 2013.




Fotomuseum Winterthur