03/04/13

Missverständnisse und Kontextsprünge

Im Dialog: Slavs & Tartars und Cevdet Erek im Künstlerhaus Stuttgart.

von Valérie Hasenmayer
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Slavs & Tartars, Mother Tongue and Father Throats, 2012, Ausstellungsansicht Moravian Gallery, Brno, courtesy the artists

Im Dialog: Slavs & Tartars und Cevdet Erek im Künstlerhaus Stuttgart.

Man kann ein wenig verwirrt sein, wenn man derzeit das Künstlerhaus Stuttgart betritt, um die Installationen von Slavs & Tartars und Cevdet Erek zu betrachten. Links ein Teppich, rechts ein Teppich, im sich öffnenden Raum eine Art fliegender Teppich, auf dem einige Besucher lümmeln. Und dahinter sieht es aus, als hätte jemand vergessen, die schmutzigen Gläser von der Vernissage wegzuräumen. Der Teppich links, „Mother Tongues and Father Throats“, wirkt ein wenig obszön – ein weit aufgerissener Mund, allerdings hübsch in Schwarz und Weiß und mit arabischen Schriftzeichen versehen. Spätestens beim Durchblättern der beiliegenden Publikation „Khhhhhh“ wird klar: Es handelt sich um einen linguistischen Teppich, einen phonologischen, um genau zu sein. Inhalt des Buches ist der Guttural „kh“ sowie ein Vergleich zwischen weiter gereichter Kultur und erlerntem Wissen, Gelesenem und Verbalisiertem. Wo sitzt der richtige Ton, wie werden Dinge formuliert, vorgeschrieben, gelebt.

Und das scheint das generelle Ansinnen des Künstlerkollektivs Slavs & Tartars zu sein. Es geht um den Tenor, die Zwischentöne und deren Entstehung in West und Ost, um Missverständnisse und bewusste Kontextsprünge, um Schrift und Sprache, Regeln und deren Interpretation. Dinge, die polemisieren, Traditionen und Heiligtümer vermischen, aufmischen. Der fliegende Teppich entpuppt sich als eine Kombination aus einem ganz profanen thakt, den man aus türkischen Teehäusern oder Shisha-Bars kennt, sowie dem höchst sakralen rahlé, einer Buchstütze für heilige Schriften.  Zwei Schritte weiter wird die heilige Schrift buchstäblich aufgespießt – ein „Kitab Kebab“ aus politischen und religiösen Schriften – und solchen, die beides deuten. Cevdet Erek hingegen spielt etwas offensichtlicher mit Raum, Zeit und dem tatsächlich klingenden Ton. Seine Stücke aus der Serie „Ruler“ sind allerdings leicht zu übersehen: durchsichtige Lineale, die den Abstand zwischen „Now“ und „End“ oder „Day“ und „Night“ messen. Das Werk „Totem“ (Week) dagegen ist unüberhörbar, stampft es doch einen beinahe aggressiven Rhythmus in den Raum, genauso stumpf und leicht verstörend wie das Millimeterpapier hinter Plexiglas in „Pattern Anti Pattern“. Oder so aufdringlich wie „Color Love“, eine baustellenartige Aufreihung von gelben und blauen Latten, die offensichtlich das Bild einer Fotoszene samt Wohnhaus, Moschee und Ziegenidyll in den gleichen Farben dekonstruiert.

Kurz: Die Künstler fordern den Betrachter heraus, schaffen Undurchsichtiges, mal hochpolitisch oder philosophisch, mal linguistisch-kulturell, was nicht immer auf den ersten Blick funktioniert. So entlässt es einen entweder kalt und verständnislos – oder es regt umso mehr an. Bewiesen haben das die beiden Teilnehmer der mit dieser Schau endenden Reihe „Artistic Dialogues“ im Künstlerhaus nicht zum ersten Mal. In der Londoner Tate, in der Wiener Secession (Slavs and Tartars) oder im MoMA (Cevdet Erek) haben sich die Stuttgarter Gäste bereits einen Namen gemacht.   

Slavs & Tartars / Cevdet Erek

Künstlerhaus Stuttgart

Reuchlingasse 4b, Stuttgart.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15.00 bis 19.00 Uhr, Samstag und Sonntag 13.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 6. Mai 2013.

 




Künstlerhaus Stuttgart