28/03/13

Von hungrigen Göttern und hungrigen Menschen

Das Kunstmuseum Thun zeigt eine große Einzelschau des indischen Künstlers Subodh Gupta.

von Annette Hoffmann
Thumbnail

Guptafaith.jpg

Subodh Gupta, Faith Matters, 2007-2008, Courtesy der Künstler und Hauser & Wirth, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun, Foto: Dominique Uldry

Das Kunstmuseum Thun zeigt eine große Einzelschau des indischen Künstlers Subodh Gupta.

 

Götter können gefräßig sein. Sehr sogar. 2006 schuf Subodh Gupta einen „Very Hungry God“ in Form eines drei Meter hohen Totenkopfes aus unzähligen Edelstahltöpfen zusammengeschweißt. Dieser Gott macht keine Scherze, gnaden- und unterschiedslos schaufelt er alles in sich hinein und weiht es zugleich dem Tod. Guptas Gott ist aber auch ein Memento Mori der konkreten Art. Mitten im Überfluss produzierenden Schwellenland Indien sterben Kinder vor Hunger, 2012 waren es gut 1,7 Millionen. Im Kunstmuseum Thun ist derzeit die menschliche Variante dieses hungrigen Gottes zu sehen. Es sind die „Spirit Eaters“, die der groß angelegten Einzelschau Subodh Guptas (*1964) auch ihren Titel gab. Im letzten Jahr lud er drei dieser Kantaha Babas ein, die in Uttar Pradesh und Guptas Heimat Bihar leben und die im Totenritual ihren Platz einnehmen. Man serviert ihnen Unmengen von Essen, die sie anstelle der Toten vertilgen. Die Bildfläche des Videos „Spirit Eaters“ ist zweigeteilt, zeigt die obere Leiste drei Männer, die ihr Honorar aushandeln, rituelle Gesänge anstimmen und ihre verschmierten Münder, wirft die untere Bildhälfte einen Blick auf die Teller und Hände, die zu Currys und Brot greifen, das Essen anhäufen, glattstreichen und zu mundgerechten Bällchen formen. Nicht nur die Götter, auch die Toten müssen sehr hungrig sein.

 

Nahrung und die Dinge, die es braucht, sie zuzubereiten, gehören zu den wesentlichen Themen des indischen Künstlers Subodh Gupta. Schimmerndes Edelstahlgeschirr hat Gupta, der mit seiner Frau Bharti Kher in Neu-Dehli lebt, zu seinem Markenzeichen gemacht. Vor drei Jahren zeigte das Kunstmuseum Thun bereits Arbeiten von Kher, die wie ihr Mann im Westen von großen Galerien vertreten wird, nun ist das Werk Guptas in einer Einzelschau zu sehen. Doch derart opulent wie im Video aus dem Jahr 2012 geht es im Kunstmuseum Thun dennoch nicht zu. Gupta begreift Essen als soziologisches Thema, an dem sich gesellschaftliche Veränderungen festmachen können und dem er sich durch Materialverschiebungen nähert. So ist im ehemaligen Grandhotel die Assemblagen „Familiy Nest No.3“ und „Ancestor Cupboard“ zu sehen. Während er für den Ahnenschrank altes Geschirr mit deutlich sichtbaren Benutzungsspuren verwendet, überwiegt bei „Family Nest“ neues hochglänzendes Edelstahlgeschirr. An Schöpflöffeln hängen blaue Emailtöpfe, am unteren Brett baumeln Eimer, Milchkannen und Dosen.

 

In seiner großen Installation „Faith Matters“ weitet sich dieser Gedanke auf die Organisation von größeren Gruppen aus. Auf einem Sushi-Förderband wird Thali-Geschirr transportiert, das aufeinandergestapelt mehrere Gefäße und so auch mehrere Gerichte aufnehmen kann. Obgleich es in Indien durch alle Schichten und Kasten hinweg für den Transport von Essen verwendet wird, gibt es Unterschiede. Manche dieser Henkelmänner weisen bunte Holzgriffe auf, andere konisch zulaufende messingfarbene Behälter, der größte Teil jedoch sieht nach funktionaler Küche aus. In den indischen Städten kursieren unzählige dieser Thali-Geschirre, die von Boten von der heimischen Küche bis hin zum Arbeitsplatz in ausgeklügelten Systemen transportiert werden. Und so ist der Thali-Geschirr-Strom auch ein bewegtes Organigramm für die chaotisch-geordnete Selbstorganisation des Alltags von Metropolen. Und ein merkwürdig abstraktes Bild zudem für etwas so Emotionales wie Essen. Seine große Skulptur „Renunciation“ hingegen hat sich ganz andere Dinge einverleibt. Die über drei Meter hohe Nachbildung der Felsen des Bamiyan Tals, die mit Blättern des Pipalbaumes umsäumt ist, wirkt auf den ersten Blick als Denkmal für die gesprengten Buddhastatuen. Doch wirft man einen Blick auf das Innere fällt er auf einen Tisch mit Juwelen, kostbaren Stoffe, Porzellan, Pokale im Sand. Dieser Gott jedenfalls ist nicht mit Lebensmitteln zu zähmen, mitunter – so deutet der Titel an – hilft nur Verzicht.

 

Subodh Gupta: Spirit Eaters.

Kunstmuseum Thun

Hofstettenstr. 14, Thun.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 10.00 bis 19.00 Uhr.

Bis 28. April 2013.

Katalog: Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg 2013, 80 S., 25 Euro | 22 Franken

 




Kunstmuseum Thun