26/03/13

Mondholz zu Bilderrahmen!

Der junge Basler Künstler Jan Kiefer bricht im Kunsthaus Baselland eine Lanze für die kreative Freiheit des Handwerklichen.

von Dietrich Roeschmann
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Jan Kiefer, Guaud, 2012, Foto: Kunsthaus Baselland

Der junge Basler Künstler Jan Kiefer bricht im Kunsthaus Baselland eine Lanze für die kreative Freiheit des Handwerklichen.

 

Der Winter geht vorbei und damit auch die beste Zeit, um Mondholz zu schlagen. Gut, dass Jan Kiefer da rechtzeitig vorgesorgt hat. Für seine erste institutionelle Soloschau, die der 33-jährige Basler derzeit im Kunsthaus Baselland zeigt, konnte er auf Bestände aus dem vergangenen Jahr zurück greifen: feinste Zirbelkiefer aus Bergün im Engadin, mit viel Liebe und nach jahrhundertealter Waldbauernsitte in einer frostigen Nacht vor dem ersten Neumond nach Weihnachten aus dem Wald geholt. Wer eine derart beschwerliche Terminernte in 2000 und mehr Höhenmetern auf sich nimmt, dem dankt das Holz angeblich mit beispielloser Härte, Feuerfestigkeit und Schädlingsresistenz – für Jan Kiefer das perfekte Material, um daraus ein Denkmal für das Handwerk zu schnitzen, um das seine Ausstellung kreist.

 

So hängen in Basel nun ein halbes Dutzend selbst gefertigter Bildrahmen an den Wänden, die windschiefen Kanten liebevoll bearbeitet. Sie präsentieren verblichene Fotografien aus Heimwerkerzeitschriften der Siebzigerjahre. Die Stillleben aus Selbstgebautem und die gestellten Posen der schnauzbärtigen Models wirken wie eine rührende Inszenierung von Richard Sennetts These, dass es dem Handwerker allein darum gehe, „eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen“. Mit scheuem Stolz blicken sie in die Kamera.

 

Auch Jan Kiefer hat für seine Schau alles selbst gemacht. Er hat pausbäckige Gute-Nacht-Monde auf T-Shirts gedruckt, die jetzt milde von ihren Bügeln an der Wand lächeln. Er hat Beistelltischchen von IKEA mit buntem Geschenkpapiermuster beklebt, auf denen sich zwischen dekorativen Steinen kleine Stapel von Teelichtern türmen. Sie bilden den Vorrat für eine monumentale Duftlampe, in der nebenan ätherische Öle der Zirbelkiefer erwärmt werden und den Raum mit einem penetrant-angenehmen Aroma füllen, das angeblich sexuell aufmuntern und Schlafstörungen beheben soll. Klingt schräg? Dann lohnt ein Blick in den Nachbarsaal: Wie zu groß geratene Schmuckbäume wachsen dort mit Jeansstoff bezogene Riesenhände aus dem Boden. An den stilisierten Fingern hängen durch dünne Seile miteinander verbundene Tonobjekte, sichtbar von Menschenhand zurechtgedrückt.

 

Der süßliche Arven-Duft, die von Buddhafiguren abgeschaute Gestik der Jeanshände, die fetischhafte Präsentation der Kleinplastiken – wäre es hier eine Spur schummriger, man fühlte sich wie in einer Geisterbahn durch die Interieurs der Hippie-Ära. So ganz täuscht dieser Eindruck nicht. Der trashige Wohlfühlkosmos, den Jan Kiefer hier entwirft, gehorcht ästhetisch dem Strick- und Bastellook der frühen Öko-Bewegung. Dass die eigenwilligen Erzeugnisse dieser Do-It-Yourself-Bewegung weniger dem traditionellen Handwerk verpflichtet waren als der Selbstverwirklichung und der moralischen Festigung gegen die Verlockungen der Konsumkultur, kommt Kiefers Interesse durchaus entgegen. Was er in seiner Basler Schau thematisiert, ist das prekäre Verhältnis von praktischer Intelligenz, individuellem Entfaltungsdrang und einem hartnäckigen Gestaltungswillen jenseits aller Konventionen der guten Form. Hier geht es um die Frage, wie sich eine Idee – ob esoterisch, technisch oder kritisch motiviert – in haptische Formen übersetzen lässt.

 

Die leise Ironie, die in Kiefers Materialisierungen einer entfesselten Bastelfreude steckt, bricht so zugleich immer auch eine Lanze für die kreative Freiheit des Handwerklichen. Was hier als beiläufig, amateurhaft oder hoffnungslos naiv erscheint, ist mit Bedacht auf diesen Effekt hin designt. Denn natürlich gilt seine Ironie ebenso dem herablassenden Lächeln der Ästheten und Formasketen, denen entgeht, dass die Tonskulpturen, die hier auf Jeanshänden getragen werden, von einem Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma gefertigt wurden, den Kiefer wöchentlich im Bürgerspital Basel besucht.

 

Jan Kiefer: Guaud

Kunsthaus Baselland

St. Jakob-Str. 170, Basel-Muttenz.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 31. März 2013

Parallel dazu sind im Kunsthaus Baselland zwei Soloschauen von Lydia Gifford und Renatus Zürcher zu sehen.




Kunsthaus Baselland