22/03/13

Trauma als Form der Geschichtsschreibung

In seiner Ausstellung im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst greift Stephen G. Rhodes Aby Warburgs Reisebericht über die Hopi-Indianer auf.

von Dietrich Roeschmann
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Stephen G. Rhodes, The Law of the Unknown neighbor: Inferno Romanticized, 2013, Ausstellungsansicht, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich, Foto: FBM Studio

In seiner Ausstellung im Zürcher Migros Museum für Gegenwartskunst greift Stephen G. Rhodes Aby Warburgs Reisebericht über die Hopi-Indianer auf.

 

Zwei Projektoren, an den Rotorblättern eines Deckenventilators befestigt, schleudern kaum entzifferbare Bilder auf klinikgrüne Vorhänge, die den Ausstellungsraum im Migrosmuseum in eine Reihe von kreisrunden Separées gliedern. Auf dem Boden der Abteile winden sich Gummischlangen um ihr Zentrum. In jedem hockt ein Puppenbaby, das Gesicht erleuchtet vom bösen Funkeln scharfkantiger Aluminiumblitze, die das Licht der Projektoren reflektieren. Schwer wie ein Sturm in den Hirnwindungen eines Psychotikers hängt nicht enden wollender Lärm über der Szene: Willkommen im Alb-Theater des Texaners Stephen G. Rhodes (*1977). Das Thema seiner Arbeiten ist das Trauma als Form der Geschichtsschreibung, wofür er oft in Erinnerungslücken vorstößt, wie sie die Sklaverei oder der Völkermord an den Native Americans im kollektiven Gedächtnis der USA hinterließen. Für seine jüngste, in Zürich realisierte Arbeit hat sich Rhodes nun in die Biografie des legendären Experimental-Bibliothekars und Kunsthistorikers Aby Warburg eingearbeitet und dessen berühmten Reisebericht über das Schlangenritual der Hopi-Indianer mit der Krankheitsgeschichte der bipolaren Störung kurzgeschlossen, an der Warburg litt. Mit „The Law of the Unknown Neighbor“ hat Stephen G. Rhodes aus diesen Quellen einen assoziativen Loop mit Begleitbuch gesponnen, der zwischen Fakt und Fiktion dem sicheren Kontrollverlust entgegentaumelt. Die Trance des Ritualtanzes – hier wird sie zur künstlerischen Form eines nicht-lineraren Erzählens über das Verschüttete und Verdrängte.   

 

Stephen G. Rhodes

Migros Museum für Gegenwartskunst

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 21. April 2013.

Es ist ein Katalog erschienen: S.G. Rhodes: Apologies, JRP Ringier, Zürich 2013, 280 S., 38 Euro | 48 Franken.





Migros Museum für Gegenwartskunst