21/03/13

Fluch und Segen

Die Ausstellung "Artists' artists befasst im Centre PasquArt in Biel befasst sich mit dem Mythos des Künstler-Künstlers.

von Annette Hoffmann
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Rodney Graham, A Little Thought, 2000, Hauser & Wirth Collection, Switzerland

Die Ausstellung "Artists' artists befasst im Centre PasquArt in Biel befasst sich mit dem Mythos des Künstler-Künstlers.

 

Der Titel des artists‘ artist gleicht einem Adelsschlag der fatalen Art. Denn impliziert dieses Etikett des Künstler-Künstlers nicht Erfolglosigkeit und fehlende Resonanz beim breiten Publikum der Kunstinteressierten? Der artists‘ artist kann eigentlich nur ein Verwandter des Künstlers sein, dessen Ruhm sich erst postum einstellt. Was seinen Reiz ausmacht, ist offensichtlich. Mit jeder neuen Entdeckung tun sich Nebenstränge der Kunst auf und lassen sich Ansichten revidieren. Manchmal ereilt die Re-Lektüre eines Oeuvres den Künstler noch rechtzeitig wie Gustav Metzger, andere wie Paul Thek, Charlotte Posenenske oder Bas Jan Ader wurden erst nach ihrem Tod oder nach Beendigung ihrer Kunstproduktion entdeckt. Die artists‘ artists, denen das Centre PasquArt in Biel nun die gleichnamige Ausstellung widmet, versprechen Sammlern und Kuratoren Distinktionsgewinn und mitunter mehr als das. Aber bleibt jemand Geheimtipp, wenn er ausgestellt wird? Kann sich jemand noch vom Kunstmarkt distanzieren, wenn dieser ihn sich bereits einverleibt?

 

Die von Felicity Lunn kuratierte Ausstellung sucht keinen analytischen Zugang zu dem Thema, sie zeigt vielmehr Paarungen auf und breitet Entdeckungen aus. Da sie ihre Auswahlkriterien nicht offenlegt, handelt sich die weit verzweigte Schau unweigerlich das Problem der Beliebigkeit ein. Über die rege und erfolgreiche Zusammenarbeit mit Peter Fischli mag man die frühen Tuschezeichnungen David Weiss‘ vergessen haben, doch macht dies ausgerechnet Weiss (1946-2012) , der so viele Ausstellungsbesucher erheitert hat, zum artists‘ artist? Die Themenschau „Artists‘ artists“ setzt auf eine intensive Beschäftigung mit den Arbeiten, die nicht selten als Werkgruppe präsentiert werden. Und sie lädt zur Betrachtung ein, was die Singularität dieser oder jener Position ausmacht. Da ist etwa Peter Doig (*1959), der mit seinen figurativen, kleinformatigen Bildern im Kontext der Young British Artists in den 1990er Jahren wahrgenommen wurde. Doig, der auf Trinidad ein Leben jenseits der britischen Kunstszene führt, gehört zu den Förderern der Malerin Varda Caivano (*1971), die in London studierte. Auch ihre Bilder sind nun in Biel zu sehen. Eine andere Konstellation bilden die Werke von Hannah Villiger (1951-1997) und Helen Chadwick (1953-1996), die beide unter feministischen Vorzeichen den weiblichen Körper mit den Mitteln der Fotografie und Installation untersucht haben. Ihre unsentimentale, raue Ästhetik hatte eine Vorbildfunktion für viele jüngere Künstlerinnen.

 

Vom konzeptionell arbeitenden Künstler Ryan Gander (*1976) zeigt das Centre­ PasquArt unter anderem seine Videoarbeit „Things that mean things and things that look like they mean things“ aus dem Jahr 2008. Das Sujet – junge Studierende, die in der Tate Modern zu Übungszwecken Gemälde von Francis Bacon abzeichnen –, mag eher trivial und auch überraschend konventionell gefilmt sein. Doch in den Interviewpassagen dieser in Farbe und Schwarz-Weiß gehaltene Videoarbeit wird deutlich, dass sich für Gander im Akt des Zeichnens sein eigenes Initialerlebnis mit der Kunst spiegelt. Und mehr noch, die Situation des Zeichnens im Museum, die, so Gander, mit gleichen Ergebnissen auch anhand von Reproduktionen am Küchentisch erfolgen könnte, erzählt viel über die Faszination, die die Kunst ausübt und von den Orten, die mit Bedeutung von Kunst aufgeladen sind. Rodney Graham (*1949) ist hingegen ein Künstler, der sich immer wieder über Rollenmodelle von Künstlern lustig gemacht hat. In Biel ist nun eine ganze Vitrine von Arbeiten zu sehen, gefakte LPs und Bücher, die romantische Vorstellungen vom Künstler durchbrechen. Graham stellt sich so als Interpret von Flötenmusik in die Nachfolge von Friedrich dem Großen, auf einem anderen Cover ist er als Countrysänger abgebildet, auf einem weiteren Foto lässt sich der Fotograf Jeff Wall unter Bandmitgliedern ausmachen. Der artists‘ artist erweist sich hier ganz als Souverän seiner eigenen Rolle.

Artists’ artists.

Centre PasquArt

Seevorstadt 71-73, Biel.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr, Samstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr. Bis 7. April 2013.




Centre PasquArt