18/03/13

Die Restwärme des Kapitals

Der Chicagoer Fotograf Brian Ulrich war in stillgelegten Shopping Malls unterwegs. Seine Serie "Dark Stores" ist derzeit in Freiburg zu sehen.

von Dietrich Roeschmann
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Brian Ulrich, Kentucky Fried chicken, 2009, courtesy the artist

 

Der Chicagoer Fotograf Brian Ulrich war in stillgelegten Shopping Malls unterwegs. Seine Serie "Dark Stores" ist derzeit in Freiburg zu sehen.

Es ist immer das Gleiche. Zuerst kommen die Global Players und machen ihre Geschäfte, bis die Rendite schrumpft. Dann rücken die Outlet Stores nach, mit Designerware aus dem Pappkarton, so billig, dass es irgendwann kaum noch für Miete und Personal reicht. Kunden ziehen weiter, Läden geben auf, Restaurants schließen – und am Ende drehen nur noch die Wachleute ihre Runde, vorbei an den verschlossenen Rollgittern der verwaisten Geschäfte. „Ghostboxes“ werden diese Ruinen des Shopping-Mall-Kapitalismus in den USA gerne genannt, in Anlehnung an die Geisterstädte im Südwesten, die noch heute als Relikte der Gier die Routen des Goldrauschs im 19. Jahrhundert säumen.

 

Als George W. Bush im November 2001 die Amerikaner aufrief, ihrem Patriotismus durch Kaufkraft Nachdruck zu verleihen, machte sich auch Brian Ulrich auf den Weg in die Shopping Malls – nicht als Käufer, sondern als Beobachter mit der Kamera. Die Serie „Copia“, in der der Fotograf ab 2001 den prompt einsetzenden Boom der Einkaufszentren in Suburbia dokumentierte, die rastlose Überforderung der Kunden festhielt und die zähe klimatisierte Langeweile in den begrünten, von Musik durchspülten Ruhezonen, mündete um 2010 schließlich in der wunderbar melancholischen, fast surrealen Reportage „Dark Stores“, die derzeit im Freiburger Carl-Schurz-Haus zu sehen ist.

 

Streng komponiert und meist bei Nacht fotografiert, erkunden die Bilder des 42-jährigen Chicagoers amerikanische Kauflandschaften wenige Wochen nach ihrem finalen Ladenschluss. Menschen sind hier nur selten anzutreffen. Stattdessen sprießt erstes Unkraut in den Ritzen der Parkplätze, aus denen sich die monumentalen Architekturen der Malls wie fantastische Relikte einer untergegangenen Zivilisation erheben. Dass sie dennoch wie Kulissen wirken, wie Instantfassaden ohne individuelle Geschichte, verdankt sich Ulrichs kühlem Blick, der hier – geschult am Dokumentarismus eines Stephen Shore oder Lewis Baltz’ – eine Typologie skulpturaler Formen und Landschaften des Konsums entwirft, die gerade in ihrer Verlassenheit die zentrale Idee ihres Designs ad absurdum führen: dass es eine kalkulierbare Logik gäbe, der sich Kunden- und Warenströme dauerhaft und erfolgreich unterwerfen ließen. Ulrichs Fotografien legen das Gegenteil nahe. Indem er immer dann vor Ort ist, wenn gerade wieder ein Geschäftsmodell auf der grünen Wiese kollabiert ist, aber noch genug Restwärme abgibt, um die schalen Versprechungen erahnen zu lassen, mit denen es einmal angetreten war, erzählen seine „Dark Stores“ auf eindringliche Weise von der verborgenen Logik des Scheiterns, die jedem System, das auf Überfluss baut, eingeschrieben ist.

 

Brian Ulrich: Dark Stores

Carl-Schurz-Haus

Eisenbahnstr. 62, Freiburg.

Montag bis Freitag 10.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 27. März 2013.

 

 

 




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