01/03/13

Alles im Fluss

Andreas Seibert fotografiert chinesische Landschaften im toten Winkel des Wirtschaftsbooms.

von Dietrich Roeschmann
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seibertkormorane.jpgKormoranfischer auf dem Fluss Quan. Fuyang, Provinz Anhui, 2011
© Andreas Seibert

Andreas Seibert fotografiert chinesische Landschaften im toten Winkel des Wirtschaftsbooms.

 

In der chinesischen Landschaftsmalerei früherer Jahrhunderte waberte der Dunst gerne als meditativer Geschmacksverstärker über den Flüssen, um der rauen Natur ein Aroma überzeitlicher Unendlichkeit zu verleihen. Heute sind es vor allem Giftschwaden, die aus quecksilbrig schillerndem Wasser aufsteigen. Wenn die Regenzeit die übel riechende Brühe Jahr für Jahr über die Ufer treten lässt, sickert sie in die Städte und spült farbigen Schlamm auf die Äcker: Willkommen am Huai He, dem 1000 Kilometer langen „Mutterfluss“ Chinas, der das Land wie ein Schnitt in Nord und Süd teilt. Die einstige Lebensader Zentralchinas gehört heute zu den am stärksten verseuchten Gewässern der Welt.

 

Für seine Serie „The Colors of Growth“ war der Schweizer Fotograf Andreas Seibert in den letzten Jahren mehrfach entlang des Huai He unterwegs. Was er von seinen Reisen mitbrachte, sind eindringliche Bilder von erschütternder Schönheit: Sie zeigen Landschaften, in denen die Hoffnung auf Wohlstand nichts als Zerstörung hinterlassen hat. Seibert besuchte Fabriken, die ihre ätzenden und öligen Rückstände ungefiltert in den Fluss leiten, er sprach mit Fischern, denen die Turbo-Industrialisierung ihrer Region die Lebensgrundlage nahm und mit Anwohnern, die Angst hatten, ihm von den Hautausschlägen zu berichten, die allein schon die Dämpfe des Wassers hervorrufen, an dem sie wohnen – aus Angst vor den Behörden, die alles tun, das Problem zu ignorieren. Nach seiner vielbeachteten Reportage „From Somewehre to Nowhere“ (2008) über das Leben der chinesischen Wanderarbeiter zeichnen diese neuen Dokumentarfotografien des 43-Jährigen nun ein beklemmend stilles Bild der sozialen und ökologischen Verwüstungen im toten Winkel des Wirtschaftsbooms. Zu sehen ist Seiberts Serie noch bis Anfang März in Winterthur – oder in dem hervorragend gestalteten und ausführlich kommentierten Bildband zur Ausstellung.         

 

Andreas Seibert: Huai He – Alles im Fluss. Fotostiftung Schweiz

Grüzenstr. 45, Winterthur.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr.

Bis 3. März 2013.

Andreas Seibert, The Colors of Growth – China’s Huai River,

Lars Müller Publishers, Baden 2012, 272 S., 40 Euro | 48 Franken.





Andreas Seibert
Fotomuseum Winterthur