02/03/13

Die Off-Szene in der Obstkiste

Ausstellung als Prozess: Tobias Madisons Kollektiv-Solo in der Kunsthalle Zürich und anderswo.

von Dietrich Roeschmann
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Tobias Madison & Emanuel Rossetti, Mo, 2012, Installation view Art Hong Kong, 2012, courtesy the artists and Karma International, Foto: Emanuel Rossetti

Ausstellung als Prozess: Tobias Madisons Kollektiv-Solo in der Kunsthalle Zürich und anderswo.

 

Tobias Madison ist schon verdammt cool. Da steht die erste große Einzelschau des jungen Baslers in der Kunsthalle Zürich an, sein offizielles Debüt in einer Schweizer Institution – und was macht er? Erstmal die Location verlegen. Station eins: die Longstreet Bar, ein Club im alten Szenequartier an der Langstraße, gleich um die Ecke von „Perla Mode“, dem Off-Space-Zentrum der Nullerjahre. Station zwei: ein Laden, der sich APNews nennt und von Madison und seinem Künstlerfreund Emanuel Rossetti als Projektraum mit Kino, Bar und Buchladen betrieben wird. Er liegt mitten im biederen Stadtteil Wipkingen, wo vor kurzem auch die hippe Zürcher Galerie Karma International ihre neuen Räume eröffnete und sich mittlerweile der „new artsy strain“ von Zürich tummelt. Über das Programm, das an beiden Orten bis zur Finissage stattfinden wird, informiert der Künstler in klandestiner Kurzfristigkeit per Newsletter: Lesungen, Partys, Konzerte.

 

Und die Kunsthalle? Okay, auch dort hat Madison etwas aufgebaut: Im Halbdunkel der Säle liegen am Boden die Grundrisse von APNews und Longstreet Bar als stumpf glänzende Stolperfallen, zusammengeschweißt aus dicken Armiereisen von der Baustelle, über die lose ein paar Kabel führen, die wiederum zwei Beamer mit Strom versorgen. Die Geräte projizieren schwankende Aufnahmen der Deckenbeleuchtung an die Wände, die Madison kurz vor Eröffnung der Schau mit einer Drohne in der hell erleuchteten Kunsthalle gemacht hat. Jetzt, wo die Neonröhren aus sind, tauchen die Beamer den Raum in das Licht von gestern. Eine hübsche Idee, die Madison aber schon im nächsten Moment als Fake entlarvt: Natürlich sind es die summenden Beamer, die den Raum erleuchten und nicht die reproduzierten Bilder der Neonröhren. Überhaupt bildet Licht so etwas wie die formale Klammer dieser luftigen Schau. Zwischen dem Flackern des Drohnenprojekts strahlt es auch aus knapp zwei Dutzend im Raum verteilten Obst- und Gemüsekartons mit chinesischen, thailändischen oder vietnamesischen Aufschriften. Zu kleinen Gruppen arrangiert, wirken die Kisten wie DIY-Architekturmodelle nächtlicher Vorstädte. Das Licht, das aus ihren Luftschlitzen fällt, zeichnet schöne geometrische Muster an die Wand. „No“ heißt diese Arbeit, für die Tobias Madison wiederum mit Emanuel Rossetti zusammenarbeitete. Dass sie der Ausstellung ihren Titel leiht, ist kein Zufall: Sie ist das narrative Zentrum der Schau.

 

Madison interessiert sich schon seit längerem für die Funktionsweisen von ökonomischen und sozialen Systemen, die er durch minimale Eingriffe aus der Balance bringt, um die kurze Irritation für seine Zwecke zu nutzen. Bestes Beispiel dafür ist die Serie „Yes I Can“ von 2008, für die er Flaggen mit diesem Werbespruch von den Masten der Hotelkette Radisson klaute, sie von befreundeten Künstlern übermalen ließ und anschließend unter eigenem Namen ausstellte. Sie machte ihn mit einem Schlag bekannt. Eine ähnliche Strategie der kollektiven Aneignung verfolgen Madison und Rossetti nun auch mit ihrer Arbeit „No“. Die Kartons, die sie hierfür verwendeten, stammen ursprünglich von in Zürich lebenden Gemüsehändlern aus China, Indien oder Nordafrika, die sich abseits der großen Containerrouten eigene, familiär organisierte Handelswege aufgebaut haben. Dass sie einen Großteil ihres Warenverkehrs auf Basis dieses dezentralen Netzwerks sozialer Beziehungen abwickeln, ist nicht nur eine Frage der Kosten – es macht sie auch unabhängig vom globalisierten Großhandel. Was Tobias Madison an dieser Geschichte des Independent Import-Export-Business interessiert, ist die Dynamik der Selbstorganisation und der Kollaboration, die er auch in der unabhängigen Kunstszene beoabachtet und für die ihm die glimmenden Obstkisten in ihrer cool improvisierten Stylishness nun Modell stehen. Dass in der Kunsthalle Zürich selbst nur wenig von dieser Dynamik zu spüren ist, verwundert allerdings kaum. Ihr Ort ist ein anderer, sie entfaltet sich erst im regen Pendelverkehr zwischen Kunsthalle, Longstreet Bar und APNews. Ob man darin nun eine Schwäche oder die eigentliche Stärke von Madisons Schau sieht, hängt nicht zuletzt davon ab, wie hermetisch oder durchlässig diese Erweiterung des Kunstraums erlebt wird.        

Tobias Madison: No; No;       H

Kunsthalle Zürich

Limmatstr. 270, Zürich.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr, Samstag und Sonntag 10.00 bis 17.00 Uhr.

Bis 24. März 2013.




Kunsthalle Zürich