01/03/13

Geld regiert die Welt

Das Kunsthaus Bregenz spürt in der Ausstellung "Liebe ist kälter als das Kapital" dem Wert der Gefühle nach.

von Florian Weiland
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Julika Rudelius, One of us, 2010, Videostill, courtesy: die Künstlerin, © Julika Rudelius

Das Kunsthaus Bregenz spürt in der Ausstellung „Liebe ist kälter als das Kapital“ dem Wert der Gefühle nach

 

Gibt es sie noch, die wahre Liebe? Julika Rudelius zeigt in ihrer Videoarbeit „One of Us“ Paare, die über ihre Gefühle füreinander sprechen. Innige Liebesschwüre werden ausgetauscht, doch romantisch klingt das nicht. Wird Intimität hier bloß inszeniert? Mitnichten. Die Tränen, die fließen, sind echt. Die hohlen Phrasen erinnern dennoch an einen Werbefilm oder einen kitschigen Hollywoodstreifen. Ohne jede Ironie, nüchtern und unerbittlich hält die Künstlerin die Paare mit der Kamera fest.

 

Julika Rudelius entführt uns in die Welt der Reichen und Schönen. Die Paare, die sie ausgewählt hat, stammen alle aus der Kunstszene, sind vermögende Kunstsammler. Geld spielt für sie keine Rolle. Wirklich? „Liebe ist kälter als das Kapital“ titelt das Kunsthaus Bregenz in Anspielung auf

den Theatermacher René Pollesch und Rainer Werner Fassbinder. Ein provozierender Titel. Die Gruppenausstellung fragt nach dem Wert der Gefühle und nähert sich dem Thema, wie Kunsthaus-Direktor Yilmaz Dziewior betont, auf essayistische Weise.

 

Letztlich, gewinnt man schnell den Eindruck, dreht sich alles ums Geld. Ken Okiishi hat dafür ein Sinnbild geschaffen und lässt an der Wand eine riesige Euromünze rotieren. Zeit ist Geld, der Mammon der Götze unserer Tage. Mariechen Danz präsentiert eine vielhändige Götterstatue, die von überdimensionierten Münzen mit Totenköpfen und Herzen umringt wird. „No money no learning“ ist als Inschrift auf den Münzen zu lesen. Und weiter: „no memory no learning“.

 

Alles hat seinen Preis. „I Give You All My Money“, erklärt Cathy Wilkes. Im Zentrum der Installation der für den Turner Preis nominierten Künstlerin stehen zwei Supermarktkassen, um die sich das ganze Leben abspielt. Wir finden ungespülte Schälchen mit Babybrei, Ziegelsteine, zwei nackte Schaufensterpuppen – und auf dem Boden davor ein kitschig schönes Herz. Es ist die mit Abstand vielschichtigste und assoziationsreichste Arbeit, die in Bregenz zu sehen ist. Isa Genzken deponiert zwei Mercedes-Radkappen auf einem Rollstuhl und zeigt, dass sich auch der „Simpsons“-Fiesling Mr. Burns nach Liebe und Zuneigung sehnt. Noch plakativer sind die 313 Cover des mexikanischen Boulevardblatts „PM“. Die Wandinstallation von Teresa Margolles irritiert mit ihrem kruden Nebeneinander von freizügigen Mädchen auf Seite eins und Fotos von Mordopfern und Verkehrstoten. Neil Beloufa lässt von Vancouver schwärmen, einer Stadt, die zu den lebenswertesten überhaupt gewählt wurde. Für seine Installation „Weite und Vielfalt der Brigade Ludwig“ errichtet Hans Haacke im dritten Obergeschoss die Berliner Mauer neu und hinterfragt das Kunstmäzenatentum des Schokoladenherstellers Trumpf.

 

Die Ausstellung mischt Bekanntes mit Unbekannten. Prominente Künstler wie Rosemarie Trockel oder Cindy Sherman sind vertreten, aber auch frische junge Positionen. Viele Werke sind exklusiv für die Ausstellung entstanden. Pascale Marthine Tayou hat 1000 Geschenkverpackungen in Form einer Kugel, deren Durchmesser imponierende drei Meter beträgt, aufgehängt. Konsumkritik oder doch nur ein netter Blickfang? Andreas Siekmann setzt dagegen auf politische Parolen und lässt in seinem Geld-Macht-Karussell die öffentliche Meinung und die Macht der Ökonomie ihre Runden drehen. Eine ungewöhnliche Variante einer Modelleisenbahn.

 

Die Gruppenschau, die nicht zuletzt mit ihrer Vielseitigkeit punktet, hat mit Keith Haring ihren Superstar. Der 1990 verstorbene Graffitikünstler ist mit neun Arbeiten vertreten. Und wer sich beim Gang durch die Ausstellung gefragt hat, ob die Ökonomie die Emotion vollständig verdrängt hat, wird bei Haring einen versöhnlichen Schlusspunkt finden. Das sechs Meter große Gemälde zeigt zwei Hände, die ein Herz halten. Darauf das Bild unserer Erde. Dazu tanzen Harings Graffiti-Männchen. Unbeschwert und ausgelassen. Pure Harmonie – oder doch nur Schein?

 

Liebe ist kälter als das Kapital. Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, Bregenz.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag 10.00 bis 21.00 Uhr.

Bis 14. April 2013.

Im April erscheint ein Katalog.

 




Kunsthaus Bregenz