13/12/12

Zwischen Fakten und Fiktionen

Politisch engagiert, aber ohne moralischen Zeigefinger: die Ausstellung Yto Barradas im Fotomuseum Winterthur.

von Florian Weiland
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1480camp_de_calamocarro.jpgYto Barrada, 
Camp de Calamocarro, Sebta (Calamocarro Camp, Ceuta), 1999/2011, © Yto Barrada & Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut

Politisch engagiert, aber ohne moralischen Zeigefinger: die Ausstellung Yto Barradas im Fotomuseum Winterthur.

Der Weg von Nordafrika nach Europa ist eine Einbahnstraße. Während Schnellboote die Touristen in einer guten halben Stunde über die Straße von Gibraltar nach Marokko bringen, bleibt dieser Weg, wie Yto Barrada beklagt, den Afrikanern verschlossen. Mehrfach spielt die französisch-marokkanischen Künstlerin in ihren Arbeiten darauf an. Die Motive, für die sich die Touris­ten begeistern, interessieren sie nicht. Yto Barrada, die 2011 von der Deutschen Bank als „Künstlerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde, erzählt lieber vom Alltagsleben in Tanger. Sie zeigt Häuser, die Ruinen gleichen, und trostlose Plätze. Doch auch hier spielen Kinder – und sie sind glücklich.

Es ist ein Blick hinter die Kulissen. Ein Blick, auf ein Land, das Veränderungen unterzogen ist, die gerade im Kleinen greifbar werden. Die Videoarbeit „Beau Geste“ dokumentiert den Kampf für den Erhalt einer halb entwurzelten Palme in einem Außenbezirk der marokkanischen Hafenstadt. Neugierig, zum Teil auch fassungslos beobachten Passanten die Aktion, die sich gegen die ausufernde Macht der Immobilienspekulanten richtet. Die 41-jährige Künstlerin ist politisch engagiert, aber sie verzichtet auf den moralischen Zeigefinger. Ihre Bilder stecken dafür voller Metaphern. Bäume sind dabei ein wiederkehrendes Motiv der Ausstellung – und der Jahreszeit angemessen, darf auch eine wie ein Weihnachtsbaum leuchtende große Aluminiumpalme nicht fehlen. „Hand-Me-Down“, die eindrucksvollste Filmarbeit der Ausstellung, reiht dagegen Fragmente aus in den 1950er und 60er Jahren gedrehten Amateurfilmen aneinander. Dazu erzählt die Künstlerin von ihrer Familie, deren Geschichte mit der historischen Entwicklung Marokkos eng verbunden ist. Was ist Fakt, was erfunden? Barrada arbeitet assoziativ und schafft hier ihren ganz eigenen Mythos.

„Riffs“, der Titel der Ausstellung, bezeichnet musikalische Akkorde und steht für eine Wiederholung, wie ein Refrain. Rif heißt aber auch ein Gebirgszug in der Nähe von Tanger, der auch dem Cinéma Rif seinen Namen gab. Die von ihr mitbegründete und geleitete Cinémathèque von Tanger ist Yto Barrada ein Herzensanliegen. Das Filmkulturzentrum hat sich zu einem der intellektuellen Treffpunkte der Stadt entwickelt. Sechs Filme – der älteste stammt aus dem Jahr 1935 – geben einen kleinen Einblick in das ambitionierte Kinoprogramm und ermöglichen es uns, noch einmal tief in das Leben in Marokko einzutauchen.

Yto Barrada
Fotomuseum Winterthur
Grüzenstr. 44-45, Winterthur.

Öffnungszeiten: Dienstag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mittwoch 11.00 bis 20.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 10. Februar 2013.
Fotomuseum Winterthur