22/02/13

Auf das Objekt gekommen

Die Kunsthalle Bern zeigt eine Ausstellung mit neuen Abgussarbeiten von Isabelle Cornaro.

von Annette Hoffmann
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cornaroyellow.jpgIsabelle Cornarao, Homonymes II (yellow splash, Courtesy Francesca Pia (links), Isabelle Cornaro, Homonymes II (brown splash), Courtesy Sibylle Axarlis (rechts), Foto: Domenique Uldry       

Die Kunsthalle Bern zeigt eine Ausstellung mit neuen Abgussarbeiten von Isabelle Cornaro.

 In Isabelle Cornaros Video „All we ever see of stars“ wird nicht nur berechnet, wie lange das Licht braucht bis es von der Sonne auf die Erde gelangt, auch die Sekunden werden ausgezählt, in denen ein Foto aus der Hand der Erzählerstimme fällt und auf dem Sand aufkommt, wo es wohl vergessen werden wird. Der Bezug des Erzählers zu dieser Aufnahme scheint rein zufällig und auch die gezeigten Ansichten von Stränden, Landschaften und Menschen ergeben keine linear erzählte Geschichte. Wer in der Kunsthalle Bern vor dieser Videoarbeit aus dem Jahr 2006 steht, hat bereits einige Werke der 1974 geborenen Isabelle Cornaro gesehen, bei denen unversehens der Aggregatzustand gewechselt haben muss. Bekannt geworden ist die in Paris lebende Künstlerin vor allem durch Arrangements von orientalischen Teppichen und chinesischen Vasen, die sie wie ähnlich fetischisierte Objekte auf Flohmärkten zusammengetragen hat. Isabelle Cornaro sagt von sich, sie habe eher ein ambivalentes Verhältnis zu diesen Gegenständen und dass ihr „die leicht pornograpische, die halb sentimentale, halb lüsterne Beziehung“ zu diesen Trouvaillen missfalle. In „Paysage avec Poussin et témoins oculaires“ aus den Jahren 2008 bis 2009 staffelte sie diese Objekte mitsamt Sockeln und Podesten zu einer Organisation von Raum. In der Folge hat Cornaro diese Objekte umgemünzt, so wie sie aus dem Schmuck ihrer Mutter Landschaften gelegt hat. Einige dieser Parfümflacons und Figürchen sind in ihrem Film „Premier rêve d’Oskar Fischinger“ noch zu sehen, den sie dem deutschen Experimentalfilmer gewidmet hat. In Bern verschmilzt dieses Film-Diptychon mit weiteren Filmen, die in diesem Raum zu sehen sind, die animierte Mangas mit Paperweights und ähnlichen Sammlerobjekten verbinden.

Seitdem ist Cornaros Zugriff radikaler geworden. So zeigt die Kunsthalle Bern Werke aus ihrer in diesem Jahr entstandenen Serie „God Box“. Drei schwarze Blöcke stehen im Raum, die gerade so hoch sind, dass man auf die abschließende Platte und ihre merkwürdige Arithmetik von A = O, O = E, E = U und U = A sehen kann. Cornaro hat die Oberflächen der Boxen mit Ornamenten ausgelegt, die sich aus Münzen, Ketten, Lippenstifthülsen oder Leuchtröhren ergeben. Die Gleise einer Modelleisenbahn fügen sich zu einem Bogen, während sich Stahlketten zu Haufen legen. Lauter tote Dinge, die nun in einer schwarzen Gummierung eingebettet sind. Ein wenig erinnert das an manieristische Allegorien, in denen Zufälliges Ordnung veranschaulicht. Was in den Paysages noch eine lockere Anordnung war, hat sich nun schließlich zur Skulptur verdichtet, die die Systematik von Kuriositätenkabinetten ebenso aufzugreifen scheint wie dekorative Grotesken mit einem Hang zum Morbiden. Was einmal eine vielteilige Assemblage war, ist Körper und Objekt geworden. Und die Objekte, die in Cornaros Filmen umrundet werden oder die Stoffe, Borten, Spitzen und Decken, sie sie stapelt sind als Abgüsse zu sehen, die zwar jedes Detail festhalten, deren homogener Grundton jedoch alle anderen Eigenschaften verschwinden lässt. Mitunter wirkt das als hätte sich ein zweites Pompeji ereignet und ein Lavastrom sich über die Dinge gelegt und sie erstarrt. Das Leblose, das um diese aus ihrem Gebrauch gerissenen Dinge war, findet in den Abgüssen ihren Ausdruck. Zugleich aber schließen diese Werke, für die Cornaro den rhetorischen Begriff der „Homonymes“ wählt, an klassische Skulpturengruppen oder Reliefs an. Dann wiederum erscheinen sie wie Ordnungssysteme, die das, was sie kategorisieren, nie mehr frei geben werden.

Isabelle Cornaro.

Kunsthalle Bern,

Helvetiatplatz 1, Bern.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 bis 18.00 Uhr, Samstag und Sonntag 20.00 bis 18.00 Uhr.

Bis 24. März 2014.

Im jrp/ringier-Verlag ist eine Publikation erschienen, 2011, 64 S., 25,00 CHF, 38.00 CHF.

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Kunsthalle Bern