21/02/13

In zwei Richtungen

Im Vögele Kultur Zentrum geht eine Ausstellung der kulturellen Praxis des Überbrückens nach.

von Annette Hoffmann
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tellez.jpgJavier Téllez, One flew over the void (Bala perdida), 2005, courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich, © Javier Téllez


Im Vögele Kultur Zentrum geht eine Ausstellung der kulturellen Praxis des Überbrückens nach.

Eine dunkelhaarige Frau im schwarzen Kleid steigt in einen Pumps. Oder zieht sie ihn etwa aus? Noami Leshem erfasst in ihrer Aufnahme „Michelle“ einen Moment, der in zwei Richtungen weist. Die Serie „Runways“ der schweizerisch-israelischen Fotografin blickt auf Frauen kurz vor ihrem Eintritt in die israelische Armee. Sie stehen auf Startbahnen von Militärbasen, auf denen die Beschleunigung der Flugzeuge ihre Spuren hinterlassen hat. Die Frauen wirken wie Fremdkörper, so konsequent ist das Foto auf den Horizont ausgerichtet. Schwer zu sagen, was nach diesem letzten Moment von Privatheit passieren wird. Noami Leshem beschränkt sich darauf, einen Wendepunkt im Leben dieser Frauen abzubilden. Obwohl die aktuelle Ausstellung im Vögele Kultur Zentrum vertrauenswürdig solide „Von hier nach dort. Über Brücken in Kultur, Baukunst und Gesellschaft“ heißt, zeichnet sie sich gerade dadurch aus, die Unwegsamkeiten auf dem Weg von A nach B aufzuzeigen. Mitunter passiert auch einfach nichts. Geradezu ikonisch für den Zwischenzustand des Wartens ist die Videoarbeit von Adrian Paci „Centro di Permanenza Temporanea“ aus dem Jahr 2007. Eine Gruppe von Männern und Frauen besteigt eine frei stehende Gangway auf einem Rollfeld, die wohl niemals an ein Flugzeug angeschlossen werden wird. Die Gesichter und die Haltung der Menschen lassen vermuten, dass es sich um Arbeitsmigranten oder politische Flüchtlinge handelt, die ihre alte Heimat verlassen müssen oder wollen.

Im Vögele Kultur Zentrum selbst hat man sich ganz offensichtlich der Arbeit des Überbrückens verschrieben. Die kulturelle Vermittlungsarbeit beginnt mit der Szenografie, sie setzt sich bei der Beteiligung von Jugendlichen fort und knüpft überhaupt an einem Kulturverständnis an, das nicht nur die Baukunst in diese Ausstellung integriert. In der von Alexandra Könz kuratierten Themenschau finden sich Statements von Architekten unter den Toneinspielungen, aber auch Sterbebegleiter kommen zu Wort und selbst eine unfreiwillig komische Flirtschule findet hier ihren Platz. All das sind Ansätze, einen niederschwelligen, aber nicht populistischen Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu ermöglichen. Das Werk „For Every Dog a Different Master“, das Katerina Seda 2007 schuf, passt da genau ins Konzept. Wie viele andere Aktionen der tschechischen Künstlerin hat auch diese eine soziale Kraft. Seda schickte an Bewohner der Trabantensiedlung Nova Lisen Hemden, deren Aufdruck die Beschenkten mit den neu gestrichenen Fassaden der Hochhäuser verbinden mussten. Später versendete sie auch Einladungskarten zur Vernissage ihrer Ausstellung, auf der auch die Arbeit „For Every Dog a Different Master“ zu sehen war. In Pfäffikon wird nicht nur in einem Art Warendisplay die von Katerina Seda entworfenen Hemden gezeigt, sondern auch der Briefwechsel zwischen der Künstlerin und den Bewohnern des Wohnkomplexes. Die Reaktionen reichen vom Gefühl der Belästigung, Gleichgültigkeit bis hin zum Eingeständnis, unter der Anonymität der Wohnform zu leiden.

Gegensätze außer Kraft setzt Javier Téllez“ in seinem Video „One Flew Over the Void“. Spielt der Titel bereits auf den Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ an, so hat Téllez für die Biennale InSite mit Patienten einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Es war nicht das erste Mal, dass Téllez, dessen Eltern Psychiater sind, sich in seinen Arbeiten für die Relation zwischen gesund und krank interessierte. Seine Performance mit den Patienten integrierte Elemente des Karnevals in einen Protestmarsch. Die verkleideten Darsteller trugen Schilder, die auf den schmalen Spalt zwischen mentaler Gesundheit und dem Verlust der Vernunft aufmerksam machten. Der Höhepunkt dieser Aktion war die physische Überwindung der Grenze zwischen den USA und Mexiko durch eine lebende Kanonenkugel. Der Artist Dave Smith ließ sich über den Zaun, der Tijuana von San Diego trennt, katapultieren. Und so ist die Ausstellung „Von hier nach dort. Über Brücken in Kultur, Baukunst und Gesellschaft“ nicht alleine eine Würdigung der Ingenieurkunst, sondern auch der Fähigkeit des Menschen, über den eigenen Schatten zu springen.

Von hier nach dort. Über Brücken in Kultur, Baukunst und Gesellschaft.

Vögele Kultur Zentrum

Gwattstr. 14, Pfäffikon.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 20.00 Uhr. Bis 10. März 2013.




Vögele Kultur Zentrum