20/02/13

Peter Granser, Was einem Heimat war

Der Stuttgarter Fotograf Peter Granser hat sich auf der Schwäbischen Alb auf die Suche nach dem Dorf Gruorn gemacht.

von Annette Hoffmann
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Peter Granser, Spuren 4, 2011

Der Stuttgarter Fotograf Peter Granser hat sich auf der Schwäbischen Alb auf die Suche nach dem Dorf Gruorn gemacht.

Ein schmaler Schlitz Landschaft ist übrig geblieben. Gut möglich, dass Peter Granser diese Aufnahme durch die Schießscharte eines Bunkers gemacht hat. Viel Schwarz ist um den Ausschnitt von Wiesen und Anhöhen mit kleinen Wäldchen, der immer wieder durch eine Art Rahmen unterbrochen wird. Vielleicht ist dies die adäquateste Weise das Dorf Gruorn auf der Schwäbischen Alb  zu fotografieren. „Was einem Heimat war“ hat der Stuttgarter Fotograf seine neueste Publikation genannt. Der Titel greift einen Brief des damaligen Bürgermeisters von Gruorn an den Landrat von Urach auf. „Gruorn soll ganz von der Bildfläche verschwinden, der Name ausgelöscht werden. (…) Das, woran man mit allen Fasern seines Herzens hängt, was einem Heimat und Existenz, ja in gewissem Sinn das Leben selbst war, hergeben zu müssen, das ist ein tragisches Schicksal“, schreibt er am 30. März 1937. Gruorn sollte der Erweiterung des Truppenübungsplatzes weichen, gut 600 landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe wurden zwischen 1937 und 1939 umgesiedelt. Heute ist die Wüstung Teil des Biosphärenreservats – und dies trotz der erheblichen Belastung durch zurückgelassene Munition.

Treibspiegelmunition, Darstellungskörper, Schrappnellgeschoss: die Bildunterschriften Peter Gransers klingen wie aus einer anderen Zeit. Die Munitionskörper, die er in einer weißen Hohlkehle in Farbe geradezu porträtiert hat, bekommen in dieser Vereinzelung etwas Skulpturales. Man könnte sich andere Zwecke vorstellen, zu denen diese mal bauchförmigen, mal keulenartigen Objekte dienen könnten. Dass sie den Tod bringen sollten, muss man als gegeben nehmen. Man hat verlernt, die militärischen Spuren in einer Landschaft zu lesen, in der Drähte aus einer Wiese staken oder Fahrspuren noch immer nicht überwachsen sind. Die Landschaft, wie sie Peter Granser hier in Schwarz-Weiß fotografiert, hat ihre Narben. Es ist keine einheitliche Bildsprache, die Granser in „Was einem Heimat war“ verfolgt, zu viele Geschichten erzählt die verlassene Ortschaft.

Peter Granser, Was einem Heimat war, 80 S., Verlag Bücher & Hefte, Berlin 2012, 28,00 Euro.

Städtische Galerie Reutlingen

Eberhardstr. 14, Reutlingen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr, Donnerstag 11.00 bis 19.00 Uhr, Sonntag 11.00 bis 18.00 Uhr.

23. Februar bis 14. April 2013.

Am 28. Februar 2013 stellen Peter Granser und Michael Schnabel in der Buchhandlung Walther König im Kunstmuseum Stuttgart um 19.00 Uhr ihre aktuellen Bücher vor. Am 14. März 2013 findet in der Städtischen Galerie Reutlingen um 19.00 Uhr ein Künstlergespräch mit Peter Granser statt.

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