19/06/13

Street Art-artig?

Street Art ist vergänglich. Doch David Stegmann stellt auch in Galerien aus. Ein Gespräch mit dem Freiburger Künstler.

von Alicja Schindler
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6151halloffame.jpgDust, Fix me, Ruhr-Universität Bochum, 2012, Foto: Johannes Klais

David Stegmann ist Künstler und arbeitet als Designer. Er macht Street Art und stellt in Galerien aus. David Stegmann alias „dust“ spricht darüber, wie Street Art von der Straße in Galerien umzieht, manch ein Künstler aus dem Regen ins Atelier und Farbe von der Mauer auf die Leinwand.


Artline: Worin liegt der Unterschied zwischen dem Künstler David Stegmann und dem Designer David Stegmann?
David Stegmann: Beim Design unterliege ich Regeln und in der Kunst habe ich Freiheit. Klar, auch im Design geht es bei mir um das Spiel, Regeln zu brechen und an Grenzen zu gehen. Ich mache in dem Bereich allerdings nur noch sehr wenig. Ab und zu entwickle ich ein Logo oder ein Webdesign. Ansonsten ist meine Tätigkeit als Grafiker in den Schatten meiner Malerei getreten. Das Einzige, was mich noch mit dem Design verbindet, sind die Designer Toys. Ansonsten fühle ich mich als Maler. Bilder malen; darauf liegt mein Hauptaugenmerk. Ich mache, auf was ich Lust habe. Die Leute sollen klassifizieren und in Genres stecken.


Artline: Was hat es mit deinen Designer Toys auf sich?
David Stegmann: Meine Designer Toys sind aufwendig von Hand produzierte und bemalte Skulpturen, die nichts mit einem Spielzeug zu tun haben. Als ich 2006 beschloss, meine bisher nur auf dem Papier existierenden Figuren, die ich RAS (Radical Action Suit) nannte, in 3D herzustellen, bin ich eigentlich zufällig Teil der Designer Toy-Szene geworden: Ich habe überlegt, wie ich dieses Kind nennen soll. Weil ich Designer bin, habe ich es Designer Toy genannt. Und als ich das gegoogelt habe, bin ich auf eine komplett eigenständige Szene gestoßen. Das Sammeln von Designer Toys schließt an das klassische Horten von Star Wars-Figuren an. Es gibt nur einen Unterschied. Es geht nicht um Massenproduktion, sondern um limitierte Stückzahlen. Den Prototypen stelle ich aus Epoxid her. Das ist eine Zweikomponenten-Modelliermasse, die betonhart wird. Das Werkzeug bastle ich meist selbst. Zum Beispiel aus einem asiatischen Essstäbchen und einem Stück Skalpell. Aber auch Hände sind ein sehr geniales Modellierwerkzeug. Die Themen der Figuren mancher Designer, wie Ashley Wood, sind sehr martialisch. Bei ihnen geht es um Krieg und Gewalt. Und Sex.


Artline: Sind das auch die Themen deiner Figuren?
David Stegmann: Nein, überhaupt nicht. Der rote Faden meiner Malerei ist die Rückbesinnung auf den Ursprung und die Natur. Zurück zu der Symbiose, die der Mensch verlassen hat. Ich bilde den Zustand nach der Apokalypse oder dem erneuten Urknall ab: Es entsteht neues Leben. Ich male Mikro-Makro-Kosmos-Spiele mit Ein- und Mehrzellern. Die Designer Toys schließen an das Thema an. Ich hatte eine Serie, die „dust: The Teddies – Angst vorm Sterben?“ hieß. Damit wollte ich auf unser unterdrücktes Tierreich aufmerksam machen. Meine Figuren spielen mit dem Gedanken der totalen Revolution: Anarchie und mehr Macht für das Volk. Gerade habe ich eine Figur gemacht, die an untergegangene Kulturen – Azteken, Native Americans oder auch die lieben Mayas (lacht) – erinnern soll. Passend zu meinem Mural „Lost Spirit“. Ich habe den Ureinwohner an die Wand einer Autobahnunterführung gemalt, wo er ständig „überholt“ wird.


Artline: Kann man sagen, dass du vom Street Art-Künstler zum freien Künstler wurdest, oder warst du schon immer ein Künstler, der eben auch Street Art macht?
David Stegmann: Das ist schwierig zu sagen. Dadurch, dass ich regelmäßig in Galerien ausstelle, hat meine Kunst fast gar nichts mehr mit Street Art zu tun. Da würde man den Menschen, die Kopf und Kragen riskieren und wahnsinnig viel in den Straßen machen – auch vieles illegal – die Schau stehlen. Sobald meine Kunst in der Galerie ist, ist sie keine Street Art mehr. Die einzige Verbindung zu der klassischen urbanen Art ist das Wändebemalen. Ich male mein Leben lang. Mein Vater ist Bildhauer und somit kam ich recht früh zur Kunst. Ich habe mir meine eigene kleine Welt erschaffen, die früher sehr comiclastig war. Diese eigene Welt hat ihre Form in der freien klassischen Malerei bis hin zu der gewollten Abstraktion im Surrealen gefunden.


Artline: War es dein Ziel, in einer Galerie auszustellen?
David Stegmann: Eigentlich hatte ich in der Kunst nie Ziele. Ich habe das klassische Kunststudium abgelehnt. Ich wollte lieber das Studium zum Grafikdesigner machen. Danach habe ich als Illustrator im Bereich Spiel- und Lernsoftware-Entwicklung gearbeitet. Nebenbei habe ich in den Straßen gemalt und schließlich kam die erste Galerie auf mich zu. Dann die nächste. So wuchs das. Und irgendwann habe ich mir gedacht: Ach komm, jetzt machst du dich halt einfach selbständig (lacht).


Artline: In was für Galerien stellst du aus? Du hattest gerade eine Soloausstellung in Dortmund und Gruppenausstellungen in Paris, Miami und London.
David Stegmann: Das variiert. Diesen Januar bin ich in einer ganz klassischen Galerie. In der Galerie Merkle in Stuttgart. Ich war auch schon in Riegel, in der Kunsthalle Messmer. Oder bei der Art Basel Miami Beach. Aber meistens sind es Urban Art-Galerien. Wobei es mittlerweile eine genreübergreifende Methode von den Galerien gibt: Sie nehmen alle. Leute aus der Fine Art, teilweise sogar aus der digitalen Illustration. Eigentlich jeden, der aussagekräftige Bilder präsentiert. Durch das Internet ist alles verwachsen. Deshalb konnte die Street Art-Szene in den letzten Jahren geradezu explodieren. In den 90ern hatte ich noch nicht einmal eine Kamera. Denn Street Art ist vergänglich. Du malst das Bild für das Foto. So wird das Foto genauso künstlerisch wertvoll wie die gemalte Wand. Und am Ende bleibt nur das Foto.


Artline: Du malst auf Mauern. Aber auch auf Leinwänden. Worin liegt der Unterschied?
David Stegmann: Wenn du in Straßen malst, erreichst du Menschen, die niemals eine Galerie betreten würden. Aber die Leinwand ist mir sehr ans Herz gewachsen. Du malst – egal ob es heiß, kalt oder nass ist. Der größte Unterschied ist die Freiheit, die du beim Fassadenbemalen hast. Die Dose kommt richtig zum Einsatz. Großflächig und wahnsinnig schnell. Mit dem Pinsel bräuchte ich dafür ewig.


Artline: Aber trotzdem ist die Kunst auf der Straße sehr kurzlebig. Sie wird übermalt.
David Stegmann: Es besteht immer die Gefahr, dass wahllos in Bilder geschmiert wird, ohne dahinter alte Regeln zu sehen. Mit diesen bin ich groß geworden. Ich würde niemals in ein Bild malen. Wenn, dann musst du es komplett übermalen. Und dann sollte es besser sein als das, was schon da ist. Das ist die alte Schule. Mittlerweile gehen diese alten Werte verloren. Bilder werden nicht nur in Freiburg, sondern überall, wie man im Jargon sagt, „abgefuckt“.


Artline: Welche Bedeutung hat das Illegale in der Street Art?
David Stegmann: Es ist darin geboren. Es ist Guerilla. Du willst an Orte gelangen, an die kein anderer kommt. Als Street Art-Künstler spielst du mit der Stadt. Nutzt für dich interessante Stellen oder eine Fassade, die dir einen besonderen Background bietet. Eine Struktur, in die du deine Kunst einbringen kannst. Du versuchst dich mehr in das Straßenbild einzufügen, als brutal plakativ schlichtweg zu übermalen. Illegale Malereien wird es immer geben. Die gab es schon im alten Rom, wo Menschen ihre Spuren hinterlassen wollten.


Artline: Überlegst du dir schon vorher wie du deine Kunst möglichst organisch in das Straßenbild einfügst?
David Stegmann: Nein. Ich gehe an die Wand, schaue sie mir an und überlege mir dann, wie ich das Bild setze. Wenn ich mal Zeit habe, male ich meine Skizzen im Atelier. Dann sind sie wie gespeichert. Diese Skizzen nehme ich in eine Schublade, meine Kartei im Kopf (lacht). Und wenn ich vor der Wand stehe, bediene ich mich aus diesem Karteisystem.


Artline: Du hast also ein Repertoire, das du stets wiederverwendest?
David Stegmann: Ich male seit ich denken kann. Seit sieben Jahren bin ich offiziell selbständig als „dust“. Ich habe schon so viele Figuren und Abstraktionen gemalt, dass ich frei aus diesem Repertoire schöpfen kann. Mit einer Skizze würde ich das Gefühl haben, mich einzusperren. Ich male mit dem Gefühl, das ich mit der Situation und all dem um mich herum habe.


Artline: Kann sich deine Kunst entwickeln?
David Stegmann: Das Repertoire füllt sich immer weiter. Ich habe befreundete Künstler, die mich inspirieren. Aber auch viele klassische Maler. Zum Beispiel Moebius oder Magritte. Giger natürlich, der alte Schweizer. Hieronymus Bosch auch. Genauso wie Caspar David Friedrich. Ich gucke mir auch gerne Ausstellungen an. Letztendlich versuche ich trotzdem, mich so wenig wie möglich beeinflussen zu lassen. Ich möchte mir selbst treu bleiben und das weiterentwickeln, was von mir kommt.


Artline: Wo kann man denn etwas von dir zur Zeit sehen?
David Stegmann: Bis Ende Januar 2013 stelle ich noch in der 44309 Streetart Gallery in Dortmund aus. Im Januar bin ich außerdem Teil der Jubiläumsausstellung der Galerie Merkle in Stuttgart und ab Mai 2013 werden meine Arbeiten dann in der Galerie Hugo45 in Braunschweig zu sehen sein.

 

Aktuelle Ausstellungsbeteiligung:

Kunstinvasion

E-Werk, Freiburg, 18. bis 21. Juli 2013, Vernissage: 18. Juli 2013, 18.00 Uhr.




dust
44309 Streetart Gallery
Galerie Hugo 45
Galerie Merkle