17/02/10

Von der Autonomie der Linie

Die Freiburger Künstlerin Esther Strub setzt die Linie vielgestaltig ein, derzeit zu sehen in der Künstler Werkstatt.

von Annette Hoffmann

Die Freiburger Künstlerin Esther Strub setzt die Linie vielgestaltig ein, derzeit zu sehen in der Künstler Werkstatt.

Esther Strub
Links: Esther Strub, o. T., 2004
Rechts: Esther Strub, o. T., 2009

Ganz schöne Kontraste. Das ist wohl das erste, was man denkt, wenn man derzeit die Künstler Werkstatt L6 betritt. Denn zwischen den beiden Werkzyklen der Freiburger Künstlerin Esther Strub will sich zuerst keine Verbindung auftun: hier die Zeichnungen aus Luftpolsterfolie aus dem Jahr 2004 und dort die kleinformatigen Papierarbeiten von 2008 und 2009. In der Künstler Werkstatt formieren sie sich zu Bildreihen, die ganze Wände einnehmen, die großformatigen Arbeiten wirken daneben wie ein Bildsprung. Und doch gibt es Beziehungen zwischen diesen Werkgruppen, Beziehungen, wie sie sich vielleicht am prägnantesten im Titel dieser Ausstellung ausdrücken. „Lines & Shapes“ heißt dieser. Schnell mag man die „Lines“ mit den Pigment-, Acryl- und Markerlinien auf der Luftpolsterfolie, die „Shapes“ jedoch mit den flächigen kleinen Spielgebilden zuordnen, die mal ins Ornamentale gehen, mal sich aus mehreren Segmenten zusammensetzen. Auch für sie greift die 1974 geborene Künstlerin zum Stift, diesmal zum Filz- und Buntstift. Doch „shapes“ meint eben nicht allein den Umriss, sondern auch die Fläche, die dieser umgrenzt.

Perspektivsprünge leistet sich Esther Strub auch beim Zeichnen. Die großformatigen Arbeiten, für die sie manchmal zwei Lagen Folie mit Reißzwecken miteinander verbindet, sind noch während der Ausbildung an der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe entstanden, wo sie bei Silvia Bächli, Ernst Caramelle und Günter Umberg studierte. Esther Strub bearbeitet die Folie auf dem Boden. An der Wand erinnern die blau-grünen und gelb-rot-orangefarbenen Konstruktionen dann an Aufsichten oder Landkarten. Auch wenn sich Übersichtlichkeit nicht auf ihnen einstellen will. Denn wer einer einzelnen Linie folgt, geht schnell verloren. Verdichten sie sich doch zu Gerinnseln, die von einer anderen Farbe überlagert werden. Das Gefüge der Linien und die frei gelassenen Flächen reagieren aufeinander. Manchmal entwickeln sich aus dem Entstehungsprozess selbstständige Zeichnungen.

Esther Strub bezieht dabei den industriellen Charakter ihres Materials mit ein. Aufgedruckte Zeichen bleiben bestehen und die charakteristische Oberfläche verhindert, dass der Strich sauber läuft, so dass ihren Zeichnungen immer etwas Krakeliges, etwas Gewollt-Unfertiges anhaftet. Während sie bei den Großformaten das Volumen der Folie einsetzt, gewinnt die Linie in den Papierarbeiten plötzlich eine ganz andere Klarheit. Die Linie begrenzt diese freien abstrakten Arbeiten und ist nötig, um ihnen eine Gestalt zu geben. In der Fläche zeigt sie sich als Schraffur, die mit unterschiedlichem Druck und damit unterschiedlicher Farbintensivität auskommt. Sie stellt eine Verdichtung dar, auf der großen Fläche jedoch sucht sie die ausholende Geste.

Esther Strub, Lines & Shapes.
Künstler Werststatt L6.
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 15.00 bis 19.00 Uhr, Samstag 11.00 bis 17.00 Uhr, bis 21. Februar 2010.
Esther Strub