11/06/10

Elisa Larvego

Die Fotografien von Elisa Larvego sind Leerstellen einer Erzählung, die der Betrachter selbst entwickeln muss.

von Yvonne Ziegler
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Die Fotografien von Elisa Larvego sind Leerstellen einer Erzählung, die der Betrachter selbst entwickeln muss.Elisa Larvego


Zeichen von Alltag und Geschichte(n) macht die junge Schweizer Künstlerin Elisa Larvego mit der Analogkamera an Menschen, Gegenständen und Orten ausfindig. „Mises à part“ heißt ihre erste Fotoserie, die Menschen in seltsamen Situationen präsentiert, etwa ein Mädchen, das eine dritte Hand hält. 2007 entstand die Arbeit „Funny holes“, die Menschen und Dinge an Schießständen zeigt. Man sieht nie einen Schießenden, sondern immer nur das Davor oder Danach. Denn die Fotografien sind Leerstellen einer Erzählung, die der Betrachter selbst entwickeln muss, wobei Waffen und leere Patronenhülsen als Hinweise auf einen Ort fungieren, der Freizeitvergnügen, Virilitätsgehabe, Gewaltpotenzial und bloße Entspannung vereint.

Die 1984 in Genf geborene Elisa Larvego ist in Südfrankreich aufgewachsen. Während einer USA-Reise mit ihren Großeltern begann sie im Alter von 15 Jahren mit Wegwerfkameras zu fotografieren. Ein Reisetagebuch entstand. Und ihre Leidenschaft für Fotografie war geweckt. Nach dem Abitur studierte sie ab 2002 zunächst Fotografie an der „Ecole d’Arts d’Appliqués“ in Vevey und danach bildende Kunst an der „Haute Ecole d’Art et Design“ in Genf. Im letzten Jahr schloss sie ihr Studium ab und erhielt nun den Kunstpreis der Nationale Suisse, der mit einer Einzelpräsentation auf der Liste 15 verbunden ist.

Reisen spielen für Larvego eine große Rolle. So ist die Arbeit „Sur le terrain“ beispielsweise in Mexiko entstanden, wo sie 2007 für sechs Monate Artist-in-Residence am „Centro de la imagen“ war. Die nahezu menschenleeren Aufnahmen zeigen Übungsräume und das Trainingsgelände eines mexikanischen Militärcamps. Wiederum ist Gewalt durch Absenz im Bild und die eigene Imagination angesprochen. Die latente Präsenz militärischer Gewalt in Mexiko ist durch die Reduktion umso eindrücklicher fassbar. Ebenfalls in Mexiko schuf Larvego die Serie „Sculptures mobiles“, die zusammen mit „Sur le terrain“ auf der Liste 15 zu sehen ist. Ihr Motiv sind die auf Karren gepackten Habseligkeiten von fliegenden Händlern, die das Stadtleben Mexikos bevölkern. Larvego hat sie vor einer weißen Wand stehend frontal und dekontextualisiert aufgenommen. Die Karren werden zu skurrilen Skulpturen, dokumentarischen Zeichen einer gesellschaftlichen Realität, ohne diese selbst abzubilden. Neben Mexiko zog Sibirien die junge Künstlerin an. 2008 fuhr sie mit ihrer 82-jährigen Großmuter in der Transsibirischen Eisenbahn nach Irkutsk, um nach Spuren der Großmutter ihrer Großmutter zu suchen. Auf dieser Reise entstand erstmals ein Videofilm. „Aranka“ (2009) gibt die Eindrücke dieser Fahrt in die Vergangenheit wieder, in deren Mitte die kamerascheue Großmutter steht, umrundet von Landschaftsaufnahmen und Blicken auf die fremde Kultur. Zunehmend ersetzt der Ton das Bild, beschreiben Worte, was das Bild nicht zeigt.

In ihrer neusten Serie „Dialogues silencieux“ fotografiert Larvego Mütter und Töchter, die ohne Vater zusammenleben, weil dieser die Familie verlassen hat. Es sind eindrückliche Fotografien trauter Zweisamkeit in häuslicher Atmosphäre, in denen die Besonderheit der Frauenbeziehungen spürbar ist. Wie bei „Aranka“ spielt auch hier Autobiografisches eine Rolle. Larvegos Eltern trennten sich während jener Reise durch die USA, die sie zur Fotografie brachte. Ihr nächstes Projekt wird sie zu einer ehemaligen Hippie-Kommune in Colorado führen.

Narrationen auslösen ist Larvegos Anliegen. Dies gelingt ihr zum einen durch Aufnahmen von Situationen, die Hinweise auf Abwesendes oder irritierende Elemente wie eine dritte Hand enthalten. Zum anderen erreicht sie dies durch die Verschiebung von Objekten in einen anderen Kontext und die Aufnahme einer realen Geschichte im Medium Video.

Elisa Larvego
Nationale-Suisse-Preisträgerin 2010, Liste 15, Basel.