12/06/10

Karin Hueber

Einrichten im Kopfstand: Über die installativen Arbeiten der in Basel und Rotterdam lebenden Karin Hueber.

von Sören Schmeling
Thumbnail

Einrichten im Kopfstand: Über die installativen Arbeiten der in Basel und Rotterdam lebenden Karin Hueber.Karin Hueber


Vor zwei Jahren klemmte Karin Hueber (*1977) Holzlatten zwischen den rohen mit Stroh bedeckten Dielenboden und das Dachgebälk einer Scheune im schweizerischen Amden, oberhalb des Walensees. Die paarweise gegeneinander gespannten und gebogenen Hölzer betitelte sie „Die mondänen Besucher II“ und stellte ihnen mehrere auf Hochglanz polierte, dunkelviolett lackierte MDF-Platten entgegen, die sie „Die mondänen Besucher I“ nannte. Eine der Faserplatten ragte durch das ausgesparte Futterloch vom Stall in den Heuboden. Durch ein rudimentäres Fensterloch in der Bretterwand der Scheune fiel Licht ein, das sich auf der glatten künstlichen Oberfläche spiegelte, ebenso wie der Betrachter selbst, der an den Lattenfiguren vorbei zu den beleuchteten Platten mäanderte. In der von Roman Kurzmeyer kuratierten Ausstellung zeigte die Künstlerin wohl am puristischsten, mit welcher Genauigkeit, Kontrastivität und Eleganz sie auf Orte, Räume und Ihre Besucher mittels ihrer installativen Interventionen eingeht. Häufig wirken dabei die Materialien, als hätte Karin Hueber sie vor Ort gefunden, meist jedoch lässt sie diese eigens für ihre Arbeiten herrichten. Die neuen Besucher nisteten sich, so Karin Hueber, als „parasitäre Ensembles“ in die noch im Betrieb befindliche Scheune ein.

Auch im Kunstbetrieb stellt Hueber schon einmal die Raummaße auf den Kopf. In ihrer Arbeit „Schwankender Boden“, die 2007 in der Ausstellung „Poor Thing“ in der Kunsthalle Basel zu sehen war, hatte sie die Grundrisse des Ausstellungshauses räumlich zu einem fast archaisch anmutenden Hausmodell mit Schleppdach angeordnet. Den ehrwürdigen historischen Bau des 19. Jahrhunderts verwandelte sie so in eine abstrakte fragil wirkende Konstruktion aus fast freitragenden Raumlinien in Metall. Das Innere nach Außen stülpte sie auch am selben Ort: „The inside out exhibition“ nannte sie ihre 2008 für die Außenwand der Kunsthalle bestimmte Arbeit. Sie montierte eine Art Interieur von abstrahierten Bänken, Regalen, Tischen und einer spiegelnd lackierten, rechteckigen Platte an die Hinterfassade des Ausstellungshauses. Wohnen konnte man in diesem Schauraum nicht, wohl aber sich gedanklich einrichten.

Wie Mobiliar, nur ohne gewohnte Funktionen, erscheinen einige der neueren Arbeiten Karin Huebers. Auf der Zoo Art Fair in London zeigte sie im letzten Jahr ein skulpturales Objekt, das an einen mit Spiegeln besetzten, halb aufgeklappten Paravent oder einen fast dekonstruktivistisch anmutenden dreieckigen Schrank erinnert. Verspiegelte, bewegliche Flügelelemente lassen weder den Betrachter noch dessen Umgebung vollständig im Bildwerk erscheinen. Nähe und Distanz halten ein labiles Gleichgewicht. Die so erzeugte Segmentierung des Blicks manifestiert sich zudem in der Form des Baukörpers selbst. Er scheint durch seine Faltungen von keiner Seite her in seinen Ausmaßen fassbar. Allein eine unverspiegelte Nische oder Öffnung lässt Rückschlüsse auf die Statik des Objekts zu und ermöglicht dem Betrachter, ihm „unreflektiert“ gegenüberzutreten oder sich in ihm zu verbergen.

Das Innen und Außen architektonischer Räume und deren Wirkung auf den Betrachter ist zentrales Anliegen in Huebers Werk. Ihre Objekte und Interventionen fungieren dabei wie Vergrößerungs-, Kipp- oder Zerrspiegel und ermöglichen dem Betrachter sich selbst nebst dem ihn umgebenden Raum facettenreich – mal spielerisch, mal streng mathematisch abstrakt – zu reflektieren.

Karin Hueber
Galerie Kuttner Siebert (Berlin), Voltashow 6, Basel. Karin HueberGalerie Kuttner Siebert