15/06/10

Simone Schardt

Simone Schardt und ihre Mengenlehre produktiver Verstrickungen.

von Annette Hoffmann
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Simone Schardt und ihre Mengenlehre produktiver Verstrickungen.Simone Schardt

Und wenn die Schnittmenge zwischen Geld und Leben nichts anderes wäre als eine durchlässige und zugleich verdichtete Fläche? In ihrer Serie „Ein idiosynkratisches Verhältnis zu Conceptual Art, dem Unbewussten strukturiert als Sprache und Selbst“ aus den Jahren 2008/9 hat Simone Schardt auf vergilbtem kariertem Papier eine solche Schnittmenge konstruiert. Zwei Kreise, in denen jeweils „Geld“ und „Leben“ stehen, schneiden sich, die Teilmenge, die sie bilden, ist ausgefüllt mit Typografie. Die Buchstaben ergeben ein klar strukturiertes Muster und zugleich eine schwarze Fläche. Ist es die Arbeit, der Lebensunterhalt?

Mit Mengenlehre kennt Simone Schardt (*1971) sich aus. Wie viele andere ihrer Generation, verweigert sie sich einer klaren Rollenzuschreibung. Schardt, die an der Universität der Künste in Berlin studierte und mittlerweile in Zürich lebt, arbeitet auch als Kunstkritikerin und sie hat zusammen mit Wolf Schmelter das „Instant-Kino on the move Kinoapparatom“ ins Leben gerufen. Und sie unterrichtete als Dozentin am MAS Curating der Zürcher Hochschule der Künste. In Aufsätzen hat sie sich mit der Kunstkritik und den Förderregularien für Künstler in der Schweiz auseinandergesetzt. So schreibt sie „Nirgendwo auf der Welt dürften die Wege von den Leistungsshows der Ausbildungsstätten zu den kunstmarktrelevanten Institutionen kürzer sein, als in der Schweiz“ und nennt als herausragende Beispiele die Swiss Art Awards und die Werk- und Atelierstipendien der Stadt Zürich. Beide Auszeichnungen erhielt Simone Schardt 2009. Und auch dieses Jahr hat sie sich für die Swiss Art Awards beworben.

Es ist selten, dass Künstler das System, von dem sie profitieren, öffentlich hinterfragen. Simone Schardt bringt nicht nur die Paradoxien heutigen Kunstschaffens zur Anschauung – nicht grundlos greift sie in ihren Zeichnungen so häufig auf Diagramme und Schaubilder zurück – sie produziert sie auch. Mit Diskurssicherheit und mit nicht eben wenig Ironie und guter Laune. Vor drei Jahren organisierte sie zusammen mit Wolf Schmelter die Aktion „Grand Prix Garantie“ im Zürcher Off-space Les Complices. Unter dem Motto „Foundrise yourself & your colleagues“ war die Fernsehübertragung einer Lottoziehung zu sehen, an der sich die Anwesenden in Tippgemeinschaften beteiligten. Der übliche Anteil des Preises vom Tippschein ging an den Lotteriefonds, der wiederum Kunstprojekte unterstützt. Verstrickung kann so spielerisch sein.

Wo immer Kunstinstitutionen ihre eigene Rolle im Kunstbetrieb sichtbar machen, ist die deutsche Künstlerin ein gern gesehener Gast mit ihren fragil wirkenden und sehr ästhetischen, kleinformatigen Zeichnungen und Collagen, die sie häufig in Vitrinen präsentiert. Sie malt mit Kaffee und zeichnet mit den Lettern einer mechanischen Schreibmaschine. Mehr old fashioned geht kaum, mehr ironische Hinterfragung des zeitgenössischen Jargons auch nicht.

Was sie interessiert, ist Kunst von Kollegen, die ihre eigene Position reflektieren. Dass dies häufig Werke aus den Anfängen der Konzeptkunst sind, überrascht nicht. An wechselnden Orten zeigte sie zusammen mit Wolf Schmelter im Rahmen von Kinoapparatom Filme von Robert Smithson und Judith Hopf. Hopfs Video von 2005 „Elevator Curator“ greift sie in ihrer Serie „Intern“ auf. Es erzählt vom Besuch einer Kuratorin bei drei dänischen Atelierstipendiatinnen in Istanbul und beleuchtet auf skurrile Weise die Abhängigkeiten zwischen Förderung und Kunstproduktion und deren Scheitern. In Schardts Reihe sind unter dem Aufdruck „Interne Mitteilung“ mehrere aufeinander gestapelte Doppelkegel zu sehen, die sie gezeichnet und collagiert hat. Eine dieser Formen wird durch zwei Beine plötzlich zur menschlichen Figur, die das ganze System zu stützen scheint. In eine ähnliche Richtung geht ihre typografische Zeichnung „Gianni in New York“. Sie zeigt einen jungen Mann vor der bekannten Skyline. Der Beruf des Kurators wird hier als Machtfantasie oder sogar als Jungentraum parodiert. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Simone Schardt
Galerie Christian Lethert (Köln), Voltashow 6, Basel und Swiss Art Awards, Messe Basel, Halle 3.Simone SchardtGalerie Christian Lethert