16/06/10

Kaspar Müller

Der Basler Künstler Kaspar Müller provoziert in seinen Arbeiten das Abwegige.

von Annette Hoffmann
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Der Basler Künstler Kaspar Müller provoziert in seinen Arbeiten das Abwegige.Kaspar Müller

Atelierbesuche findet Kaspar Müller wahrscheinlich ziemlich widersinnig. Doch der Basler Künstler und diesjährige Manor-Kunstpreisträger Schaffhausen ist zu höflich, einen anderen Treffpunkt vorzuschlagen. Dass viele seiner Arbeiten am Schreibtisch entstehen, hatte er schon im Telefongespräch erwähnt und wirklich passen seine Werke im Atelier in der Kleinhüningerstraße auf mehrere DIN-A4 Blätter, in Gruppen unterteilt, eingetütet und ordentlich getackert. Oben rechts. Es wundert nicht, dass Kaspar Müller (*1983) diese Form der Dokumentation gewählt hat. Denn es ist nicht ganz leicht, den roten Faden zu erkennen, der alles miteinander verbindet: die Strohmänner, die er in seiner Einzelschau „Bias“ im Kunsthaus Baselland 2009 gezeigt hatte, die Glaskugeln oder die Holzskulptur, die er zusammen mit Tobias Madison für Daniel Baumanns Ausstellung im Modern Institute Glasgow konzipiert hat. Er wisse gar nicht, sagt er beiläufig, ob sie noch stehe. Glasgow sei eine toughe Stadt. Ein wenig hat man den Eindruck, diese einzelnen Dossiers funktionieren wie Module, die je nach Reihenfolge und Kombination Charakteristika seines Werkes stärker hervortreten lassen. Einmal sein Denken in Materialien, das andere Mal Oberflächen, die sich durchaus ob ihrer Schönheit selbst denunzieren.

Wie viele aus seiner Generation kollaboriert Kaspar Müller intensiv mit anderen Künstlern. Die Szene ist klein, man hat zusammen studiert, gemeinsam Off-Räume initiiert, betreibt sie noch (Vrits, Galen) oder fühlt sich ihnen einfach verbunden (New Jerseyy). Anfang dieses Jahres etwa lud Karma International in Zürich zu „Quick Brown Fox & Lazy Dog“ ein. Die Ausstellung löste das Format einer Gruppenschau so formal wie clever. Thomas Julier etwa schuf eine Tapete im zeitgenössischen Op-Art-Look, von Tobias Madison stammte das Gestell und Kaspar Müller fügte als Skulptur Papierbälle ein, deren Drahtkonstruktion die Linien der Tapete aufnahm, die aufgeklebten Haare jedoch verliehen dem Objekt etwas Ambivalentes. Dass hier ein leicht konsumierbarer Look produziert wird, weiß natürlich auch Kaspar Müller. Es sah aus wie ein typischer „Züri-Laden, kommentiert er trocken die Ausstellung.

Und dennoch zeigt sich hier eben eine Fragestellung, die ihn interessiert: welche Bedeutung schaffen Oberflächen und wie lassen sich diese lenken. Daher auch die Serie von mundgeblasenen Glaskugeln, die Kaspar Müller häufig in Bündeln hängt. Man kennt sie aus dem Kunstgewerbe, womöglich hält man ihre offensichtliche Schönheit für Kitsch. Erstmal alles andere als cool war auch, in der gemeinsamen Basler Ausstellung mit Fabian Marti im New Jerseyy einen Fisch aus Holz zu zeigen. Den Stamm dazu hatte er selbst ausgesucht, den Fisch daraus geschnitzt und auf einem schlichten Stahltisch präsentiert. 200 Kilo Holz auf 100 Kilo Metall: 300 Kilo Präsenz und Pathos. „In der Kunst ist alles Selbstbehauptung“, sagt Kaspar Müller. Sobald man etwas in die Welt setzt, behauptet es sich selbst und muss es auch.

Auch in seiner neuesten Werkreihe geht es Kaspar Müller um solche Brüche. Die ersten seiner aktuellen Holzschnitte sind derzeit in der Ausstellung „Of Objects, Fields and Mirrors“ zu sehen, die Daniel Baumann für das Kunsthaus Glarus kuratiert hat. Gut 100 sollen es werden, sie zeigen Comicfiguren, Einzelbilder aus Asterix, Disney-Figuren oder Robert Crumb-Szenen, auf die Bedingungen des Holzschnittes heruntergebrochen, als Zusammenspiel von Linie und Fläche, Schwarz und Weiß. Was in dieser Vermischung von Comic und Holzschnitt passiert, ist ein paradoxer Prozess. War der Holzschnitt vielleicht einmal der Comic der Neuzeit, ist er heute ein aufwändiges Handwerk, der Comicstrip jedoch ein populäres Unterhaltungsformat von industrieller Reproduktion. Das einzelne Comicbild erfährt eine Aufwertung durch den künstlerischen Prozess, gedruckt wird jedoch in Serie, zusammen mit Thomas Julier, als „Hippiekunst am Küchentisch“, wie Kaspar Müller sagt. Keine Frage, Kaspar Müller mag es pointiert.

Kaspar Müller
Galerie Nicolas Krupp (Basel), Art Basel.
Kunstraum Galen
Damian Narvarro, Sculptures parentales.
Kleinhüningerstr. 94, Basel.
Bis 7. Juli 2010. GalenNicolas Krupp