12/06/11

Auf der Suche nach Melancholie

Der in Basel lebende Fotograf Nicholas Winter experimentiert mit dem Polaroidfilm.

von Annette Hoffmann
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Der in Basel lebende Fotograf Nicholas Winter experimentiert mit dem Polaroidfilm.Nicolas Winter

Man muss sich Nicholas Winter (*1973) nicht als Zeitgenossen mit einer besonders anachronistischen Lebensweise vorstellen. Aber doch gibt es etwas, was der in Basel lebende Fotograf an der Gegenwart vermisst: die Melancholie als positiv empfundenes Lebensgefühl. Die Patina auf vielen seiner Aufnahmen, ist leicht benannt. Winter benutzt den Polaroid Chocolate Film, der für einen warmen Sepiaton sorgt. Doch das Andere? Das Nostalgische seiner Fotos hat unmittelbar mit der Fotografie zu tun. Seine Bilder, so sagt er, zeigen, „dass mal etwas da war“ – womit er Roland Barthes’ Definition der Melancholie der Fotografie ziemlich nahe kommt.

Menschen sind auf Winters Fotografien selten zu sehen. Mal kreuzt ein Radfahrer das Bild, mal passiert ein einsamer Fußgänger. Viel mehr interessieren den Fotografen die architektonischen Hinterlassenschaften, die wie Ruinen wirken, oder Neubauten, die wie Altlasten des real existiert habenden Sozialismus aussehen. Etwa die Siedlung Nowy Wilanow bei Warschau. Während die Prospekte von Nowy Wilanow Hochglanzmagazinen gleichen, wirkten die Bauten auf Winters 2009 entstandener Serie als hätte man sich sowjetische Plattenbauten zum Vorbild genommen. Was sich historisch überlebt hat, bekommt so den Anschein von zukunftsfähiger Moderne. Eine Paradoxie, die Nicholas Winter formal durch den vergilbten Ton der Aufnahme aufgreift.

Es gehe ihm nicht um eine Eins-zu-Eins-Umsetzung der Wirklichkeit in Fotografie, sagt der Brite in einem Deutsch, das mehr nach Basel als nach seinem Geburtsort Hannover klingt. Seine Eltern waren Angehörige der britischen Armee, zum Studieren kehrte er nach England zurück und lebt nun seit 2002 in Basel. Es sind nicht nur die Sujets – Felder, auf deren Ackerkrumen der erste Schnee liegt oder das Meer – die ausgesprochen malerisch wirken, es ist auch ihre Oberfläche. Meist beruhen diese Effekte auf Zufällen, die das Arbeiten mit der alten Kamera Polaroid Packfilm mit sich bringt. Er suche keine Klarheit, sagt Nicholas Winter, damit jeder seine eigene Geschichte in den Fotos wieder findet.

Nicholas Winter bei Monika Wertheimer (Oberwil), Volta Show, Basel.
Nicholas Winter