12/06/11

Auf den Spuren des Geschmacks

Andrea Büttner erkundet in ihren Holzschnitten, Zeichnungen und Videos künstlerische und religiöse Praktiken.

von Annette Hoffmann
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Andrea Büttner erkundet in ihren Holzschnitten, Zeichnungen und Videos künstlerische und religiöse Praktiken.Andrea Büttner

Gründe, warum Kunst aussieht, wie sie aussieht, gibt es immer. Es war einfach das uncoolste, was man machen konnte, kommentierte Andrea Büttner (*1972) in einem Interview ihre Entscheidung für den Holzschnitt. Als dann jedoch ein Modelabel seine 2003er Kollektion mit dem Slogan „uncool“ bewarb, rächte sich die Künstlerin und schrieb auf das Schaufenster des Berliner Shops: „Ich war uncool bevor ihr uncool wurdet“. Uncoolness war die neue Avantgarde, dabei war der Holzschnitt einmal Mainstream.

Dass die Technik die erste populäre Massenproduktion ermöglichte, begann die gebürtige Stuttgarterin bald sehr viel mehr zu interessieren als das Image des Holzschnittes. Tatsächlich verschränken sich im Werk der Künstlerin das Interesse am (Kunst)Handwerklichen und die Auseinandersetzung mit dem Auratischen der Kunst. Wie viele andere ihrer Generation verwehrt sich Andrea Büttner gegen eine allzu große Aufladung der einzelnen Arbeit. Anstatt jedoch den Kunstprozess an Werkstätten oder Assistenten zu delegieren, entschied sich Andrea Büttner für einen anderen Weg. Sie wählte den altmodischen Weg, die akademischen Lehrwerkstätten. Denn ein Großteil von Andrea Büttners Arbeiten ist in Techniken entstanden, die eine gewisse Handfertigkeit brauchen: Holzschnitt, Siebdrucke, Zeichnungen. Allerdings mit konzeptuellen Ansatz. In Ausstellungsräumen werden sie häufig vor einer braun gestrichenen Wand präsentiert, die so hoch ist, wie die Künstlerin mit der Malerrolle reicht. Der obere Abschluss gleicht also einer mit der Hand gezogenen Linie. Viele ihrer teils großformatigen Drucke erinnerten anfangs an den nervösen Duktus des deutschen Expressionismus, aber auch an HAP Grieshaber. Ein Künstler, zu dem man sich heute nicht mehr uneingeschränkt bekennt, derart präsent war er einmal in Deutschland. Andrea Büttners Zeichenlehrerin war Grieshaber-Schülerin und die mittlerweile in London und Frankfurt lebende Künstlerin promovierte 2010 mit einer Arbeit über „Scham als ästhetisches Gefühl“. Sie wird also wissen, was sie tut. Und vielleicht haben Arbeiten wie Dieter Roth und Martin Kippenberger, die auf einer Brücke ihre Ängste besprechen und der Satz „All my favorite artists had problems with alcohol“, der sich Weiß auf Schwarz über das Papier zieht, die befreiende Funktion eines Witzes.

Vor vier Jahren nahm sie Kontakt zu Karmeliterinnen auf, die ausgerechnet – auch das eine der Büttnerschen Verschränkungen – im Londoner In-Viertel Notting Hill leben. Da der Alltag der Nonnen sich jenseits der Öffentlichkeit abspielt, bat Büttner sie, mit der Handkamera aufzunehmen, was innerhalb der Klostermauern passiert. Zu sehen sind im Video „Little Works“ auch die Handarbeiten, die die Frauen mit viel Hingabe in ihrer Freizeit schaffen: Stickereien, kleine Arbeiten mit getrockneten Blumen. Das mag man mitunter nicht sonderlich geschmacksicher finden, doch Andrea Büttner verrät diese „little works“ eben nicht an ein wie auch immer geartetes ästhetisches Urteil. Ihre in Italien entstandene Arbeit „The Poverty of the Riches“ führt vieles weiter, was sich hier angedeutet hatte. So nutzt sie das Phänomen der Armut, um am Beispiel der mittelalterlichen Reformorden und der arte povera Religion und Kunst miteinander zu verbinden. Zugleich bezieht sie sich auf Giotto und Darstellungen des Heiligen Franziskus von Bonaventura Berlinghieri. Religiöse Kunst ist es nicht, die dabei entsteht. Aber Werke, die zwingen über gegenwärtige Kunstpraxis und Geschmacks­urteile nachzudenken.

Andrea Büttner bei Hollybush Gardens (London), Art’42 Basel: Art Statements.