13/06/11

Leichtigkeit durch maximalen Materialeinsatz

Die Raumeingriffe des Karlsruher Künstlers Karsten Födinger legen die Poesie von Architektur frei.

von Yvonne Ziegler

Die Raumeingriffe des Karlsruher Künstlers Karsten Födinger legen die Poesie von Architektur frei.

Karsten Födinger
Karsten Födingern, o.T., Installationsansicht, Kunsthaus Baselland, Foto: Victor Kolibàl

Karsten Födingers Atelier liegt nur einen Steinwurf vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie entfernt. In der Ecke stehen allerhand Materialien, alte Bohnenstangen, eine Zinkwanne, Zementsäcke und ein Betonkeil, daneben befindet sich ein Tisch, auf dem verschiedene Modelle seiner neuen Arbeit für die Liste 16 aufgebaut sind. Födinger (*1978) versucht es „so leicht wie möglich zu halten“, wenngleich er riesige Betonarbeiten in Ausstellungsräume setzt, Mauern durchbricht, Putz an Wände klatscht und Holz an seine Belastungsgrenze treibt.

Als Kind verbrachte er mindestens zweimal im Jahr „Urlaub auf einer Baustelle“. Sein Vater hatte kurz nach seiner Geburt ein Grundstück in Österreich erworben, wo er in den darauf folgenden Jahren mit viel Eigenarbeit ein Haus baute. Steine wälzen, Beton mischen, Gips anrühren und Putzanwerfen wurden zu vertrauten Tätigkeiten des Vaters. An der Akademie der Bildenden Künste in Freiburg und Karlsruhe studierte Födinger von 2002 bis 2009 bei Günter Umberg und Meuser. Dort entstanden 2008 seine ersten Putzanwurfarbeiten. Um eine Holzleiste zu befestigen warf er mit einer Kelle aus geringer Entfernung Haftputzgips an die Wand. Anschließend entfernte er allen Putz, der nicht unmittelbaren Kontakt mit der Holzleiste hatte. Besonderheiten wie das Experimentieren mit einfachen Prinzipien, die Auferlegung einer Art Versuchsanordnung mit konzeptuellem Regelwerk und das Abarbeiten von Problemstellungen wie „Holzleiste mit Putz an Wand befestigen“ werden früh deutlich.

Karsten Födinger
Karsten Födinger, o.T., 2010, Installationsansicht, Temporäre Kunsthalle, Berlin, Foto: Jan Windszus, Courtesy RaebervonStenglin, Zürich

Födinger treibt Material an seine Grenzen. Funktionselemente wie Waschbecken schlägt er ab, sodass nur noch Schrauben und Keramikreste an der Wand bleiben. Ein grünes Exemplar war 2010 in der Ausstellung „Fischgrätenmelkstand“ in der Temporären Kunsthalle Berlin zu sehen. Dort befand sich auch eine schlichte auf der Spitze stehende, innen hohle Keilform aus Beton, die lediglich stehen konnte, weil sie in das Ausstellungsgerüst eingegossen war. Trotz großem Materialeinsatz war der Keil eine tendenziell unsichtbare Arbeit, irgendwie Teil der Ausstellungsarchitektur. So verhielt es sich auch bei einer ortsspezifischen Arbeit für die Städtische Galerie Karlsruhe 2010. Einer der markanten achteckigen Pfeiler im Untergeschoß des Betongebäudes ummantelte Födinger so mit Gips, dass eine runde Säule entstand, die heute noch – obwohl viel „fetter“ als die anderen Pfeiler – nahezu unbemerkt bleibt. Der vorgefundene Ort ist für den Bildhauer wichtig. Als Antwort auf den Messestand der Galerie RaebervonStenglin auf der Artissima 17 schuf er die „Turiner Decke“. Verschalungsmaterial und Stützen wurden so aufgebaut, dass der nach oben offene Stand mit einer Betondecke nahezu hätte geschlossen werden können. Die alltägliche Baukonstruktion wurde zur vielbeinigen skulpturalen Figur. Die rationale Ästhetik des gebrauchten, wiederverwendbaren Baumaterials wurde sichtbar.

Wenn auch raumgreifend, so sind viele Arbeiten Födingers ephemer und müssen nach der Präsentation zerstört werden. Für den Auf- und Abbau von „Cantilever“ (s. Cover dieser Ausgabe) benötigte das Technikteam des Pariser Palais de Tokyo je eine Woche. Erst musste eine Öffnung in die Wand des Auditoriums gebrochen werden, dann Verschalung, Armierung und Stützen für den freitragenden modernistischen Ausleger aufgebaut und schließlich durch ein eingeschlagenes Fenster Beton auf die Plattform gepumpt werden. Hinterher wurde die Betondecke zersägt und abtransportiert. Hier durfte Födinger erstmals nicht selbst Hand anlegen und musste die Rolle des dirigierenden Poliers einnehmen.

Karsten Födinger, der auch Mediengestalter ist, arbeitet zudem als Herausgeber des Künstlerbuchverlags „Mark Pezinger“. In Kooperation mit seinem Verlagspartner Thomas Geiger und den Künstlern ist eine Reihe von außergewöhnlichen Büchern von teils skulpturaler Qualität entstanden.

Karsten Födinger bei RaebervonStenglin (Zürich), Liste 16, Basel.
Mark Pezinger Verlag