13/06/11

Gemälde wie eine Plattensammlung

Der Träger des Nationale Suisse Kunstpreises 2011 Josse Bailly schöpft aus der Ikonographie des Hard Rock.

von Sören Schmeling
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Der Träger des Nationale Suisse Kunstpreises 2011 Josse Bailly schöpft aus der Ikonographie des Hard Rock.Josse Bailly

Was haben Psychedelic und Hard Rock der 1960er und 70er Jahre mit traditioneller Ölmalerei zu tun? Wenn der Maler zudem DJ ist augenscheinlich viel. Denn neben der Palette nimmt Josse Bailly (*1977) immer wieder auch Vinylplatten in die Hand. Die Cover der Longplayer geben dabei Anregungen für die Bildfindungen des in Genf lebenden Künstlers. Seine zumeist kleinformatigen Gemälde haben etwas von einer Plattensammlung, die man Scheibe für Scheibe durchblättert. Und gerade diesen intimen, ja privaten Blick beabsichtigt Bailly, denn kleine Bilder „muss man nicht teilen, wenn man sie anschaut“. Zumeist sind es Sujets, die die Köpfe seiner Rock-Idole wie Tony Iommi oder Lemmy Kilmister zeigen. Bisweilen wirken sie wie ausgeschnitten vor Hintergründen mit farbigen Schachbrettmustern oder Spiralen. Kunstgeschichtliche Bezüge, wie eine Anlehnung an die Op-Art, spielen für Bailly weniger eine Rolle, denn das Schachbrett lehnt sich vielmehr an den Küchenboden in der Wohnung seiner Freunde an, in der sie ihre Partys feiern. Malen, bis es rockt, scheint seine Devise zu sein. Da wächst auch mal das Gesicht des Rockidols Phil May, der in den 60er Jahren als Mann mit den längsten Haaren Europas galt, aus einer Blumenvase und bricht damit die gewollte Lieblichkeit des Stilllebens. Auch Cezannes Badenden lässt Bailly zu einer Horde langhaariger Hardrocker, den „Allman's Brothers“, von 2009, mutieren. Dann pflanzt er Musikerhäupter auf Dönerspieße, Körper von Spinnen mit Flügeln oder von Wellensittichen, als Hommage an die Gruppe „Budgie“, der englischen Kurzform dieses Vogelnamens. Selbst vor Martialischem bis Blasphemischen macht er nicht Halt, wenn er den bärtigen, langhaarigen Jesus mit tarnfarbig geschminktem Gesicht über einem Panzer in der Wüste schweben lässt und das in diesem Jahr entstandene Bild mit „Little Star of Betlehem“ betitelt. Dennoch strahlen seine Arbeiten immer jene fast naive Leichtigkeit und obsessive Persistenz aus, die den Betrachter entweder zum leidenschaftlichen Fan oder kopfschüttelnden Verweigerer macht.

Auch in seinen Zeichnungen geht er ähnlich vor, wobei ihn hier, wie er sagt, besonders der Filzstift reizt, der am ehesten diese kindliche Begeisterung transportiert. Von fein ziselierten Kugelschreiberbildern, in denen sogar ein Hauch von Chiaroscuro-Technik wahrzunehmen ist, bis zu den ungelenk, pubertär wirkenden Filzstiftarbeiten reicht die Bandbreite des Zeichners. Und wenn er etwa die Geste zweier sich vom Betrachter abwendenden, kreuzenden Mittelfinger zeigt, steht es jedem frei, sich angesprochen oder angegriffen zu fühlen. Ob die Hände klobig, die Proportionen bewusst verquast dargestellt sind, scheint für Bailly nebensächlich, vielmehr geht es ihm um den exzentrischen Drang, sich im Bildraum ähnlich wie in der Musik auszuleben. Diese beharrlich lockere Art hat wohl auch die Jury des diesjährigen Kunstpreises der Nationale Suisse zum Fan werden lassen. Zur Liste wird der Preisträger deshalb mit einigen seiner Idole im Koffer anreisen müssen, um sie den Begeisterungsfähigen zu zeigen. Und wenn ihm selbst einmal die Lust am Zeichnen oder Malen fehlt, schaut er sich ein Eishockeyspiel in der modernistischen Architektur der Spätfünfziger in „Les Vernets“ in Genf an.

Josse Bailly, Nationale-Suisse-Preisträger 2011.
Liste 16, Basel.