13/06/11

Eine Re-Lektüre des Punk

Pauline Boudry & Renate Lorenz untersuchen in ihren Filmen Möglichkeiten gelebter Differenz.

von Dietrich Roeschmann

Pauline Boudry & Renate Lorenz untersuchen in ihren Filmen Möglichkeiten gelebter Differenz.

Pauline Boudry
Pauline Boudry, Renate Lorenz, No Past, 2011, courtesy the artist and Ellen de Bruijne Projects, Amsterdam

Das trotzige Getöse, mit dem Susan Dynner ihre Dokumentation „Punk’s not dead“ 2007 in die Kinos brachte, hatte – bei allem Charme ihrer Fan-Perspektive – etwas ungewollt Naives. Logisch war Punk nicht tot. Eher schon untot. Kaum ein Pop-Phänomen der letzten Jahrzehnte wurde so oft recycelt wie Punk. Bis heute steht er für maximale Authentizität und Intensität, für fundamentale Verweigerung, virtuose Zeichenpolitik und Chaosproduktion unter Einsatz des ganzen Körpers. Sein romantischer Gedanke der Sinnvernichtung reicht weit in die Kunstgeschichte der „illegitimen“ Avantgarden des Dadaismus und Situationismus zurück, während die Strategien der Subjektwerdung durch extreme Selbstverausgabung, die Punk praktizierte, heute zugleich auf seltsam entstellte Weise auch den gesellschaftlichen Mainstream beherrschen.

Grund genug für Pauline Boudry (*1972) und Renate Lorenz (*1963), die Subkultur des Punk noch einmal einer Re-Lektüre zu unterziehen. Seit einigen Jahren untersuchen die Lausanner Künstlerinnen in ihren Film- und Fotoinstalla­tionen die Möglichkeiten gelebter Differenz. Theoretisch verwurzelt in der Geschichte geschlechtlicher Diskurse, gilt ihr Interesse dabei vor allem der Inszenierung von Sichtbarkeit und ihrer Funktion der Selbstermächtigung. In ihrer aktuellen Arbeit „No Past“, deren Pendant „No Future“ zeitgleich an der 54. Venedig-Biennale zu sehen ist, rekonstruieren Boudry/Lorenz den Punk so als eine Bühne für queere Politik, auf der eine fiktive KünstlerInnen-SchauspielerInnen-MusikerInnen-Band in Vertretung von Legenden wie der kürzlich verstorbenen „X-Ray-Spex“-Sängerin Polly Styrene oder Alice Bag von „The Bags“ den in zahllosen Punk-Revivals verschütteten Techniken der glamourösen Aggression, der Drag-Performance oder der parodistischen Aneignung popkultureller Hypes nachspüren.


Pauline Boudry / Renate Lorenz bei Ellen de Bruijne Projects (Amsterdam), Art’42 Basel: Art Statements, Basel.