13/06/11

Fortschritt durch Exzentrik

Die französische Künstlerin Lili Reynaud-Dewar performt nicht nur für Nummern.

von Dietrich Roeschmann

Die französische Künstlerin Lili Reynaud-Dewar performt nicht nur für Nummern.

Lili Reynaud-Dewar
Lili Reynaud-Dewar, Performance for numbers, courtesy the artist & Mary Mary, Glasgow

Zu den populärsten Missverständnissen, die in Kunsträumen gedeihen, gehört die Annahme, dass Eins und Eins Zwei ergeben. Schon in den frühen Sechzigern führte Andy Warhol diese Logik mit seinen „Do It Yourself“-Paintings ad absurdum. Dem Prinzip „Malen nach Zahlen“ folgend, steuerten die vorgegebenen Farbfelder und Codes zwar seinen Malprozess, aber weder hielt sich Warhol tatsächlich an die Palette, noch folgte er der Anweisung, jede Fläche auszumalen. Dass die potenzielle Feindin jeder Regel immer ihre Auslegung ist, weiß auch die französische Künstlerin Lili Reynaud-Dewar. Seit geraumer Zeit untersucht die 35-Jährige in ihren komplexen Performances und Installationen die Konstruktion kultureller Identität. Im Zentrum ihrer Arbeiten steht dabei die Auseinandersetzung mit exzentrischen Strategien der Subversion gesellschaftlicher Ordnung durch die künstlerischen und popkulturellen Avantgarden des 20. Jahrhunderts. Malewitsch, Pasolini und Fassbinder stehen ihr dabei ebenso Pate wie der afrofuturistische Free Jazz-Prophet Sun Ra, der Anti-Designer Ettore Sottsass oder die Frauen ihrer eigenen Familie.

Mit ihrer jüngsten Arbeit „Performances for Numbers“, die sie im Rahmen des Performanceprojekts der Liste aufführen wird, knüpft Reynaud-Dewar nun an das Freiheitsversprechen an, das in Warhols Verkehrung der auf ein verordnetes Stereotyp zielenden Anweisung „Do It Yourself!“ steckt: Interpretation als Subversion.

Lili Reynaud-Dewar beim Performanceprojekt der Liste 16, Dienstag, 14. Juni, 13.00 Uhr.
Lili Reynaud-Dewar wird vertreten von Mary Mary (Glasgow) und Kamel Mennour (Paris).