13/06/11

Der Prozess der Übersetzung als Formfrage

Vom Denken in Relationen. Über die Mobiles des französischen Künstlers Etienne Chambaud.

von Annette Hoffmann

Vom Denken in Relationen. Über die Mobiles des französischen Künstlers Etienne Chambaud.

Etienne Chambaud
Etienne Chambaud, On Hospitality (i.e. Exclusion), 2010, Ausstellungsansicht Labor, Mexico City, courtesy Sies + Höke, Düsseldorf

Alexander Calder hat ganze Arbeit geleistet. Ein Mobile muss wie ein Sommertag sein: irgendwie leicht, gut gelaunt und bunt. Etienne Chambauds „On Hospitality“ wirkt dagegen wie dessen Antithese: schwer, von rauer Natur und mit Bedeutung aufgeladen. Der 1980 im elsässischen Mulhouse geborene Etienne Chambaud gilt als „très français“. Die Kurzformel steht dafür, dass Chambaud den einen oder anderen Text französischer Poststrukturalisten gelesen hat. Und wenn Etienne Chambaud für die diesjährige Art Unlimited ein riesiges Mobile bauen wird, das an der Hallendecke befestigt ist und eine raumgroße Box aus Ausstellungswänden balanciert, darf man dies getrost allegorisch nehmen. Denn Chambaud materialisiert in seinen Arbeiten Übersetzungsvorgänge. In einem Essay hat Ida Soulard ihn in einer Generation verortet, die gelernt hat, in variablen System zu denken und die alles in Relation zueinander sieht. Der in Paris lebende Chambaud ist zudem ein Künstler, der sehr literarisch vorgeht. Den großen Werkkomplex des „Musée décapité“ widmet er der etwas irritierenden Tatsache, dass die Erfindung der Guillotine mit der Gründung der ersten öffentlichen Kunstsammlung einhergeht. Eine Koinzidenz, die noch dadurch verstärkt wird, dass 1977 das letzte Mal in Frankreich guillotiniert und das Centre Pompidou eröffnet wurde. „Der Betrachter des Museums beschwert sich über den Mangel an Unmittelbarkeit. Der Betrachter der öffentlichen Hinrichtung beschwert sich über die Schnelligkeit des Spektakels“, kommentierte Chambaud anlässlich seiner Ausstellung „Counter History of Separation“ im Centre International d’Art & Du Paysage dieses Zusammentreffen.


Etienne Chambaud bei Sies + Höke (Düsseldorf), Art’42 Basel: Art Unlimited, und bei Bugada & Cargnel (Paris), Liste 16, Basel.