30/09/11

Trickfilme aus der Traumzone

Leben zwischen Horror und Komödie: Der legendäre tschechische Künstler und Animationsfilmer Jan Švankmajer.

von Patrick Hamouz

Leben zwischen Horror und Komödie: Der legendäre tschechische Künstler und Animationsfilmer Jan Švankmajer.

Am Anfang von Jan Švankmajers Karriere stand ein Weihnachtsgeschenk: seine Eltern hatten ihm als Kind ein Puppentheater unter den Baum gestellt. Später dann, in den Fünfzigern, studierte er an der Prager Hochschule für darstellende Künste Puppentheaterregie, und Puppen bevölkerten auch seinen ersten animierten Kurzfilm von 1964. Vom Manierismus, der diese Arbeiten prägte, wandte sich Švankmajer bald dem Surrealismus zu. International bekannt wurde er schließlich als Trickfilmer, vor allem durch seinen raffinierten Einsatz der Stop-Motion-Technik, die heute kaum noch verwendet wird.

Jan Švankmajer
Jan Švankmajer, Siamská dvojčata s nádorem, 2010, Courtesy Ursula Blickle Stiftung, Kraichtal and the artist

Erstmals ist das Werk dieses vielseitigen Künstlers und Filmemachers nun in einer Retrospektive in der Ursula Blicke Stiftung zu sehen. Für den 77-Jährigen war ein derart großes öffentliches Interesse nicht immer selbstverständlich. Bis 1989 schafften es viele seiner Filme nicht einmal bis zur Premiere, sondern landeten gleich im Tresor. Nachdem sich Švankmajer Anfang der Siebziger geweigert hatte, Kompromisse bei der Postproduktion eines Filmes zu machen, war ihm von der tschechischen Regierung zwischen 1972 und 1979 Drehverbot erteilt worden. Seine alptraumhaften, mit schwarzem Humor durchsetzten Filme waren der Zensur ein Dorn im Auge, weil sie die Entfremdung von der sozialistischen Wirklichkeit verbildlichten. Švankmajer selbst, der seinem Stil auch später treu blieb, ging es um anderes: „Alle meine Filme bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Horror, Komödie und schwarzem Humor. Denn auf diesem Grat bewegt sich unser ganzes Leben.“

Beispielhaft für diese Engführung von Horror und Leben ist das Motiv des Essens. In nahezu allen seinen Filmen spielt es eine wichtige Rolle – sei es in Form des Esszwangs, des Sich-Überfressens oder des Stoffwechsels. Oft sind es unappetitliche, drastische Bilder, die Švankmajer seinem Publikum zumutet. Für ihn selbst sind sie immer auch ein Ventil für den kaum verarbeiteten Horror seiner eigenen Biografie: „Ich war ein Kind, das nicht gegessen hat. Ich war extrem dürr. Zeitweise musste man mich im Rollstuhl schieben, da ich nicht mehr in der Lage war zu gehen. Weil man mich deswegen nicht einschulen wollte, haben meine Eltern mich in Freizeitlager geschickt, wo sie Essen in uns reingestopft haben. Was das angeht, habe ich also noch ein paar offene Rechnungen.“ Die brutalen Reaktionen auf die kindliche Verweigerung haben seinen Blick für die gesellschaftlichen Funktionen des Essens geschärft. „Essen ist ein Symbol unserer Zivilisation, die bacchantisch ist und einfach alles frisst, was sie kriegen kann“, sagt er – „und dann verdaut sie alles und tauscht es gegen Geld. Es ist eine aggressive Zivilisation.“

Jan Svankmajer
Jan Švankmajer, rank-meyer's Bilderlexikon, Tableau 42, 1989, Courtesy Ursula Blickl Stiftung, Kraichtal and the artist

Als Künstler und Filmemacher setzt Švankmajer alles daran, diese Logik zu durchbrechen. Das Spektrum seiner Arbeiten reicht von politischen Filmen über Werke mit literarischen Bezügen bis hin zu sinnlichen Materialerkundungen, in denen er in toter Materie das Leben sucht und im Lebendigen das Morbide. Es ist immer der Traum, mit dem Švankmajer der Logik die Stirn bietet und die Menschen hinter die Kulissen der geordneten Wirklichkeit entführt, in der sie zu leben glauben. Auf den Spuren des Unbewussten lässt er märchenhafte Bildwelten entstehen, die außerhalb von Raum und Zeit zu existieren scheinen. Dass er damit auch gegen den Zeitgeist antritt, ist ihm bewusst. „Lange zurückliegende Zivilisationen hatten spezielle Traumdeuter, und die Menschen haben sich nach ihnen gerichtet“, sagt er. „Heute hat der Traum keinen Wert mehr, weil man ihn nicht zu Geld machen kann. Die Moderne hat den Traum an die Peripherie der menschlichen Psyche gedrängt. Ich halte das für eine absolute Verarmung des menschlichen Lebens.“

In seinem jüngsten Film „Prežít svuj život“ („Sein Leben überleben“), der vor kurzem in Tschechien Premiere hatte, stellt Švankmajer deshalb nun einen alternden Mann vor die Wahl. Verliebt in eine imaginäre Schöne und therapiert von einer realen Psychoanalytikerin ist er gefangen in einer seltsam luftig surrealen Transitzone zwischen Traum und Wirklichkeit. Am Ende entscheidet er sich für den Traum, nicht ohne Švankmajer vorher die Gelegenheit gegeben zu haben, mit genüsslicher Ironie die Klischees der Psychoanalyse durchzudeklinieren. Aufgenommen ist dieser Film wie eine Foto-Love-Story – in zigtausenden von einzeln fotografierten Motiven, die Švankmajer zusammengesetzt hat, unterbrochen von wenigen gefilmten Details wie Mündern, Augen oder Füßen. Die Entscheidung zu dieser ungewöhlichen Form verdankte sich nicht allein künstlerischen Erwägungen: „Es wird immer schwieriger, für solche Filme Geld aufzutreiben“, sagt er. „Deshalb habe ich nach einer Technik gesucht, die eine billigere Produktion ermöglicht. Eigentlich ist es dieselbe wie bei den Sandmännchenfilmen für Kinder“. Auf einem Papierfilm, der unter einer senkrecht aufgestellten Kamera eingespannt war, setzte er die Figuren aus Köpfen, Armen und Beinen für jedes Foto neu zusammen, so dass am Ende der Eindruck einer Bewegung entstand. „Da das Drehbuch wie für einen normalen Spielfilm geschrieben ist, gibt es sehr viele Dialoge. Deshalb mussten wir auch das Sprechen fotografieren, das komplette Alphabet mit allen einzelnen Laute, die wir dann zusammengesetzt haben.“ Dass sich die Schauspieler während der Dreharbeiten nicht ein einziges Mal am Set über den Weg liefen, zeigt, dass Švankmajer es versteht, nicht nur seiner Kunst, sondern auch dem wirklichen Leben surreale Qualitäten abzugewinnen.


Das Kabinett des Jan Švankmajer.
Ursula Blickle Stiftung

Mühlweg 18, Kraichtal.

Öffnungszeiten: Mittwoch 14.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag 14.00 bis 18.00 Uhr.
Bis 16. Oktober 2011.
Ursula Blickle Stiftung