17/04/12

Schwellenbilder

Der Basler Künstler Vincent Kriste schafft Malerei-Malerei im besten Sinne.

von Dietrich Roeschmann
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Der Basler Künstler Vincent Kriste schafft Malerei-Malerei im besten Sinne.Vincent Kriste

Für einen Maler kann alles Motiv sein. Der fleckige Teppichboden im Kunsthaus Baselland zum Beispiel: die Struktur des Sisalgewebes und die Farbe erinnern auf den ersten Blick an unbehandelte Leinwand. Da der Belag unverrückbar mit dem Untergrund verklebt ist und sein Entfernen einer Generalsanierung des Hauses gleichkäme, hat sich Kunsthaus-Direktorin Sabine Schaschl entschlossen, ihn trotz der mittlerweile deutlichen Spuren vergangener Ausstellungen einfach liegenzulassen. Durchsetzt von Farbspritzern und Schleifspuren auf hellbraunem Grund wirkt er wie die Vorlage zu einem kleinformatigen Bild des in Basel lebenden Malers Vincent Kriste, das an der Wand darüber hängt. Im ersten Moment könnte man denken: Superidee – einfach den Boden abgemalt, Millimeter für Millimeter, mit der Akribie eines Nerds, aber dann ist es doch komplizierter. Oder einfacher, wie man's nimmt. Als Kriste im Rahmen der „Ernte“-Ausstellung mit aktuellen Ankäufen des Kunstkredits Baselland die Einladung zu einer Soloschau bekam, überlegte er, wie er seine Malerei in Beziehung zu den unspektakulären Räumlichkeiten im Kunsthaus setzen könnte. Der Teppichboden blieb ihm als Motiv im Gedächtnis. So sehr, dass er sich ein Stück davon als Vorlage schicken ließ, es aber dann doch zur Seite legte und zu malen begann, was näher lag, nämlich die Leinwand selbst.

Vincent Kriste, 1979 in Zürich geboren, hat an der HGK Basel Malerei studiert. Nach seinem Abschluss 2007 führten ihn ein iaab-Atelierstipendium nach Havanna und und ein zweites nach Leipzig, der Wiege jenes Malereibooms der Nullerjahre, der den Kunstmarkt weit mehr beflügelte als den Malereidiskurs. So wunderte sich Kriste in Leipzig denn auch vor allem über die Selbstverständlichkeit, mit der Malerei hier betrieben wurde.

Malereiforscher und Augentäuscher
Für den 32-Jährigen hingegen ist nichts selbstverständlich. Schon gar nicht das Malen. Kriste ist ein Materialfetischist, ein Malereiforscher und Augentäuscher. Farbe und Leinwand sind die Stoffe, aus denen er seine Bilder macht, die oft ihrerseits unscheinbaren Details aus den Räumen, in denen sie hängen, zum Verwechseln ähnlich sehen oder Dingen, mit denen diese Räume möbliert sein könnten – einem Sofa, einer Ritterrüstung, einer Vase mit Blumen. Und manchmal kopieren sie auch nur ihre eigene Materialität. Wie im Fall des Leinwandbildes, das Kriste in Basel zeigt: Wo sich die Frontseite dieses Gemäldes aus der Nahsicht als atemberaubend präzise Malereisimulation des Trägermaterials erweist, zeigen die Seitenkanten unbehandelte Leinwand. Malerei und Material, Form und Grund treffen hier unmittelbar aufeinander. Der Bruch ist kaum wahrnehmbar, und doch führt er direkt ins Zentrum von Kristes Malerei – denn die Täuschung ist hier ebenso klar kalkuliert wie die Enttäuschung. „Es fasziniert mich, wenn sich das Gemälde selbst entlarvt und den Blick auf die Bestandteile freigibt, welche die Illusion hervorbringen, zugleich aber auch ein Eigenleben führen“, sagt er. „Diese Überlagerung von verschiedenen Wirklichkeiten ergibt die eigentliche Spannung“. Dass man mit Malerei im herkömmlichen Sinn, also mit dem Auftragen von Farbe auf Leinwand, heute überhaupt noch Illusion herstelle, sei eigentlich völlig absurd. Ein Grund, den Pinsel aus der Hand zu legen, kann das jedoch nicht sein. Im Gegenteil: „Ich versuche das in meinen Bildern zu zeigen.“

Nicht zufällig hat Vincent Kriste seine aktuelle Schau in Basel „Schwellenbilder“ genannt. Es geht ihm um Übergänge: Vom Bild zum Objekt, vom Raum in die Fläche, von der Farbe zum Motiv, von der Wand zum Abbild der Wand. Die Präzision, mit der er sich dabei an die Nachbildung der Wirklichkeit macht, lässt seine Malerei unweigerlich in die Nähe des Trompe l'œils rücken. Eines seiner Bilder zeigt ein Stück Tapete im Fünfzigerjahre-Design, auf dem sich Wasserflecken ausbreiten wie die jahrzehntealten Spuren eines Rohrbruchs; auf anderen Leinwänden imitiert er mit Farbe eine Steckdose, eine Deckenabhängung, abplatzenden Putz auf grauem Grund. Die perfekte Illusion interessiert Kriste dabei nur bedingt. Sie ist für ihn lediglich Mittel zum Zweck. Was ihn interessiert, sind die Möglichkeiten der Malerei, Bilder zu schaffen, die als Modelle ihrer eigenen Ambivalenz funktionieren und damit zugleich immer all das mit ausstellen, was die Illusion grundsätzlich kaschieren möchte: ihre Objekthaftigkeit, ihre Materialität, ihren Raumbezug. Wenn Vincent Kriste so aus Farbe einen Telefon-Verteilerkasten modelliert und ihn als Bildkörper direkt über seinem realen Vorbild an der Wand platziert, thematisiert er damit nicht nur das komplizierte Verhältnis zwischen Abbild und Wirklichkeit, sondern definiert zugleich den das Bild umgebenden Raum selbst als Teil des Bildes.

Intensive Materialrecherche
Jedes Bild, sagt Kriste, sei das Ergebnis einer langen Kette von Entscheidungen, von denen viele fallen, bevor er überhaupt daran denkt, die Leinwand auf den Keilrahmen zu spannen. Dazu gehört nicht zuletzt die intensive Materialrecherche. Kriste interessiert sich für die Oberflächen der Dinge, ihre haptische Beschaffenheit, die Weise, wie sie das Licht brechen oder reflektieren. Aber nicht nur deshalb beginnt der Malprozess für ihn bereits mit der Materialwahl. „Die Leinwand, die Farbe, die Stärke des Keilrahmens, die erste Grundierung – all diese Dinge besitzen ästhetische Eigenschaften, die ich zeigen möchte“, sagt er. „Indem ich das tue, habe ich die Möglichkeit, Illusion zu schaffen und sie zugleich zu brechen.“ Um die speckglänzende, behagliche Nachgiebigkeit eines alten Ledersofas auf die Leinwand zu bringen, schüttet Kriste so schon mal kiloweise Gesso auf den rohen Grund. Die schüttere, rissige Oberfläche, die der Trocknungsprozess hinterlässt, übermalt und schleift er ab, um das Relief schließlich mit einem zartblauen, transparenten Lackfilm zu überziehen. Im Kunsthaus Baselland hängt dieses lebensgroße Sofabild nun unterhalb der Augenhöhe und oberhalb der Sitzhöhe knapp über dem Boden, als könnte es sich nicht entscheiden, was es lieber wäre: Möbel oder Tafelbild. Doch seine vordergründige Figürlichkeit gibt hier lediglich die Bühne ab für eine Malerei, die sich ganz darauf konzentriert, ihre eigenen Bedingungen und Möglichkeiten ins Bild zu setzen. Malerei-Malerei im besten Sinne.

Wie breit sich dieses analytische Interesse in Vincent Kristes Werk auffächert, zeigen zwei denkbar konträre Arbeiten aus jüngster Zeit. Zum einen ist das ein Blumenstillleben, das Kriste nach Vorlage zweier flämischer Gemälde aus dem 17. Jahrhundert konstruiert hat. Auf engstem Raum zieht er hier sämtliche Register der Malereibeherrschung. Teils sind die Blüten regelrecht aus Farbe modelliert, teils kommen sie als zart lasierte Imitation eines Textildrucks daher, als gestische Abstraktionen oder in altmeisterlicher Naturtreue. Das wilde Nebeneinander der Maltechniken korrespondiert hier auf ironische Weise mit der Maßlosigkeit der barocken Blütenpracht. Das minimalistische Gegenmodell dazu bildet eine dreiteilige Serie von Raumplänen zu Kristes Basler Ausstellung, inklusive Werkangaben und schematisierten Grundrissen. In Acryl gemalt, hängen sie hier gleichberechtigt neben den anderen Arbeiten und beanspruchen so den Status von Gemälden, geben zugleich aber eine ganz reale Orientierung über die Verteilung der Bilder im Raum. Denkt man sich diese Hybride schließlich abseits des Kontextes, für den sie entstanden, mutieren sie zu Platzhaltern für Erinnerungsbilder oder imaginäre Ausstellungskonstellationen. Das Poetische an Vincent Kristes Bildern ist dieses Verharren in einem prekären Zustand zwischen virtuoser Meisterschaft und einem Malereidiskurs, der zu eben dieser Meisterschaft auf Distanz geht, weil es letztlich weniger um eine Frage des Könnens als um eines des Denkens geht: Was ist ein Bild?


Ernte 2012. Ankäufe des Kanton Basel-Land
Kunsthaus Baselland
St. Jakob-Str. 170, Basel.

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 11.00 bis 17.00 Uhr, Mittwoch 14.00 bis 20.00 Uhr.
Bis 22. April 2012.

Vincent Kriste
Kunsthaus Baselland