11/06/12

Minimalistische Augenfallen

Soloschau an der Liste 17: Die Berner Künstlerin Kathrin Affentranger, Trägerin des Kunstpreis der Nationale Suisse 2012.

von Yvonne Ziegler
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Soloschau an der Liste 17: Die Berner Künstlerin Kathrin Affentranger, Trägerin des Kunstpreis der Nationale Suisse 2012. Kathrin Affentranger

Wenn die Ecke eines Hockers aus MDF-Platten auf einem alten rostigen Eisenlot balanciert, scheint die Zeit stillzustehen. Der Schemel ist aus der Orthogonalen gebracht und scheint jeden Moment kippen zu können, während er gleichzeitig fest auf dem spitzen Eisen lastet. Dennoch könnte ein leichter Stoß die gesamte Anordnung sprengen. Kathrin Affentranger (*1987), diesjährige Gewinnerin des Kunstpreises der Nationale Suisse, schafft klare Werke, die ephemer momenthaft und zeitlos dauerhaft zugleich sind.
Es geht der Künstlerin um ein Gleichgewicht, das die Potentialität von Bewegung in sich birgt, ohne dass diese tatsächlich erfolgt. Das Ereignis vollzieht sich im Betrachter. Kathrin Affentranger vertraut auf die „visuelle Intelligenz des Betrachters“, wie sie sagt. Die Konstruktion ihrer Werke ist sichtbar und könnte von jedem nachgebaut werden. So einfach ihre Objekte auch sind, so komplex kann deren Wirkung sein. Dies wird besonders an der Arbeit deutlich, die sie auf der Plattform 12 zeigte und für die sie ausgezeichnet wurde. Sie besteht aus schwarz bemalten Vierkanthölzern, die zur Hälfte die Konturlinien eines Quaders umschreiben. Mit zwei weiteren Stäben stellt die Künstlerin den halben Quader so auf, dass er nur noch auf einer Kante lagert. Beim Umgehen verändert sich die Anschauung des Gegenübers ständig. Es entzieht sich einer festen Form, scheint zu tanzen, wird zur Raumzeichnung, die wiederum durch einen Stoß leicht umfallen könnte.

Während ihres Bachelorstudiums an der Berner Hochschule der Künste von 2008 bis 2011 fertigte Kathrin Affentranger zunächst Zeichnungen und Collagen an oder befestigte leicht gegeneinander versetzt Metallgitter an der Wand. 2009 begann sie die Serie „Growing object“; Postkartengroße weiße dünne Kartons versieht sie mit regelmäßigen grauen Stabilostiftstrichen, datiert sie auf der Rückseite und stapelt sie aufeinander. Die Striche gehen jeweils über den Rand, um das zeiträumliche Dazwischen anzudeuten, denn nicht täglich entsteht eine neue Karte. Für die Künstlerin bedeutet diese Zeit vergegenwärtigende Arbeit Konzentration, Sammlung, beruhigendes Tun im festgelegten Regelwerk. Kurz bevor Affentranger 2010 ein Semester bei Heimo Zobernig an der Wiener Akademie der bildenden Künste studierte, begannen sich ihre Werke von der Wand zu lösen. Eine begehbare Zeichnung in Form einer Installation entstand, die aus etwa 20 zwei Meter hohen, aufrecht im Raum stehenden schwarzen Vierkanthölzern bestand. Bei jedem Stab hatte sie zuvor die Oberfläche der Außenseiten abgesägt, um dem vorgefertigten Material aus dem Baumarkt eine Handschrift zu verleihen.

Das Moment des Zuschnappens evoziert eine Arbeit von 2011, die aus den Umrisslinien eines großen Würfels besteht, der sich durch Scharniere auf- und zuklappen lässt. Eine schräg gestellte Stange hält den Würfel in einer fallenartig anmutenden, verschobenen Position. Dieses Zuklappen ist auch bei der neusten Arbeit zentral: mehrere lose aufgestellte Gipskartonplatten, die lediglich durch einen starken Nylonfaden gehalten werden. Ein leichtes Antippen löst eine Kettenreaktion aus, lässt die mäandernde Raumzeichnung zum flachen Strich werden. Das große Gewicht des Materials ist hier durch seine Anordnung und Farbigkeit negiert, was die potentielle Bewegung und den damit einhergehenden Knall besonders spannend macht. Im Video „Never ending sculpture“ von 2011 scheinen ihre Hände einen undefinierbaren weichen Gegenstand zu formen. Tatsächlich knetet eine Hand die andere. Jedoch verursacht die gleichzeitige Wiedergabe des Films und seiner Spiegelung eine Verdoppelung der Hände, wodurch diese zum undefinierbaren Gestaltobjekt werden. Die formende Hand wird hier zum Thema des Gestaltens, zum verwirrend veränderlichen Etwas, zur Metapher für die ständige Veränderung von Formen und Zuständen. Im Herbst beginnt die Künstlerin ein Masterstudium an der Hamburger Akademie der bildenden Künste bei Andreas Slominski, um diesen Weg weiterzuverfolgen.

Kathrin Affentranger, Trägerin des Kunstpreises Nationale Suisse 2012, Soloshow an der Liste 17, Warteck PP, Basel. Nationale Suisse